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Gerontagogik und therapeutische Ansätze

Kognition - Einleitung

Programme mit dem Fokus auf «kognitive Funktionen» für Menschen mit einer Demenzerkrankung haben eine längere Geschichte. Für sie gilt, dass mangelnde Anforderungen dazu beitragen, dass kognitive Kompetenzen verstärkt abnehmen. Inzwischen sind neue, differenziertere Ansätze zur Förderung der kognitiven Funktionen entstanden und bestehende Ansätze wurden relativiert und angepasst. Die räumliche Orientierung, wie etwa das Finden des eigenen Zimmers, kann z.B. mit Hilfe des Altgedächtnisses über verschiedene Erinnerungselemente gleichzeitig verbessert werden: neben dem Anbringen des eigenen Namens in grossen und gut lesbaren Buchstaben (evtl. auch des Mädchennamens bei verheirateten Frauen) und alten Bildern ist die Verwendung von Farben, Formen, Symbolen oder Zahlen eine weitere Möglichkeit. Wichtige Elemente in den Programmen, welche die Kognition stärken sind auch Gegenstände, Geschichten, Musik und Lieder die Erinnerungen an vergangene Zeiten hervorrufen.

Kognition - Gedächtnistraining

Das Gedächtnistraining wird – vor allem im Anfangsstadium sowie im mittleren Stadium der Demenz – als einer der Bausteine in einem multifaktoriellen Behandlungskonzept gesehen. Besonders zu Beginn einer Demenzerkrankung kann Gedächtnistraining Anregungen zur Erhaltung der Alltagskompetenzen liefern, dies mittels einfacher Merktechniken und dem Besprechen von Gedächtnisstützen zur Kompensation des beeinträchtigen Kurzzeitgedächtnisses.

Indiziert ist Gedächtnistraining bereits bei einer milden Kognitiven Störung (MCI = mild cognitive impairment). Untersuchungen liefern erste Hinweise, dass ein Gedächtnistraining auf kognitive und nichtkognitive Bereiche wie Stimmung und Verhalten wirkt. Die mit der Diagnose konfrontierten Menschen und ihre Angehörigen bekommen zudem das Gefühl, selbst auch etwas gegen ihre Krankheit unternehmen zu können. Sie werden dabei begleitet, ihre Stärken wahrzunehmen und zu unterstützen und mit ihrem Unvermögen umzugehen. Das Gedächtnistraining bei Menschen mit einer Demenzkrankheit konzentriert sich in besonderem Masse auf die Stärkung der vorhandenen Fähigkeiten. Dabei eröffnen sich vor allem im Stadium der schweren Demenz oft sehr kleine Kompetenzfenster, die in den offensichtlichen Defiziten des täglichen Lebens unterzugehen drohen.

Mittlerweile gibt es eine Fülle von Trainingsprogrammen, massgeschneidert für verschiedene Gruppen von Menschen mit kognitiven Einschränkungen. Dazu werden auch die verschiedensten Sinnesorgane miteinbezogen. Die Ausbildung von spezialisierten Gedächtnistrainerinnen bieten die entsprechenden Verbände der verschiedenen Länder an.

Weiterführende Literatur

Realitäts-Orientierungstraining (ROT)

Das Realitäts-Orientierungstraining (ROT) ist ein verhaltenstherapeutischer Ansatz, der 1958 von J. Folsom, später unter Mitarbeit von L.R. Taulbee, in den USA entwickelt wurde. Nach Folsom verfolgt das ROT das primäre Ziel, die Gedächtnisleistung bei Menschen mit Gedächtnisverlust, Verwirrtheit und Orientierungsschwierigkeiten zu steigern und die zeitliche, örtliche und personelle Orientierung zu verbessern. Ausserdem soll die Identität erhalten bleiben, und die Selbstständigkeit, das Wohlbefinden und die soziale Kompetenz sollen gefördert werden. Erwähnenswert ist auch die mit der Anwendung des ROT angestrebte Steigerung der Arbeitszufriedenheit des Personals, welche zu den Zielsetzungen des ursprünglichen Konzepts gehört.

Allerdings werden diese Programme in Form der Realitäts-Orientierung zunehmend kritisch betrachtet. Eine korrigierende und erziehende Art der Anwendung scheint wenig zur Lebensqualität beizutragen und das Selbstwertgefühl der Menschen mit Demenzerkrankung eher zu schmälern und zu diskreditieren. Dennoch wird immer wieder über positive Effekte der Realitätsorientierung bei Menschen mit leichter bis mittlerer Demenz berichtet. Das von Folsom entwickelte Konzept wird in seiner ursprünglichen Form nicht mehr angewendet. Es lassen sich aber Teilaspekte daraus in unterschiedlichen, später entwickelten Betreuungskonzepten, z.B. in der Milieutherapie, wiederfinden.

Weiterführende Literatur
Stuhlmann, W. (2011). Demenz braucht Bindung. Wie man Biographiearbeit in der Altenpflege einsetzt (2. Aufl.). München.

Kognitive Anregungen (CST)

Das Konzept der «kognitiven Anregung» wird im Englischen als «CST – Cognitive Stimulation Therapy» bezeichnet. Dieses Konzept grenzt sich ab von den Konzepten des kognitiven Trainings und der kognitiven Rehabilitation. Im Unterschied zu diesen beiden Konzepten geht es bei der kognitiven Anregung um eine eher allgemeine, unspezifische Stimulation mit dem Ziel, vielfach vernetzte kognitive, soziale und emotionale Ressourcen und Kompetenzen zu fördern.

Mit neuropsychologischen Prozessen wird weniger die Erinnerungsfähigkeit, sondern eher die Sprachfähigkeit gefördert. Es geht nicht darum, sich an explizit vorgegebene Informationen richtig zu erinnern. Vielmehr sollen sich Menschen mit einer Demenzerkrankung weiterhin Meinungen zu angesprochenen Themen bilden, sich anhand von Material mit neuen Begrifflichkeiten vertraut machen und neue Verbindungen zwischen Begriffen herstellen lernen. Diese Methode regt Menschen an und ermutigt sie, sich auch mit Familie und Freunden vermehrt auszutauschen, was gleichzeitig das Erleben einer höheren Lebensqualität fördert. Verbesserung in Sprache und Sprechen können auf diese Weise die Kognition anregen, was sich positiv auf Beziehungen und auf die emotionale Befindlichkeit  auswirken kann.

Auf der Basis von sensorischen, kunsttherapeutischen, musiktherapeutischen, psychotherapeutischen Erfahrungen und Erkenntnissen wurden, u.a. von Aimee Spector und anderen, Programme entwickelt, die erlebnisorientiert, spielerisch und gut strukturiert eingesetzt werden können. Thematisch wird eine grosse Bandbreite angestrebt. Diese reicht von allgemeinen Themen, wie Geld, Essen, Männer und Frauen, bis zu Erinnerungen, wie die Schulzeit, die erste grosse Liebe, die Familie usw. Diese Themen werden in Bezug gesetzt zur jetzigen Situation und zum heutigen Tag.

Quelle und weiterführende Literatur
Spector, A., Thorgrimsen, L., Woods, B., Orrell, M. (2012). Kognitive Anregungen (CTS) für Menschen mit Demenz. Evidenzbasiertes Praxis- und Gruppenhandbuch. Bern.

Körperliche Aktivierung

Bewegung

Eine körperliche Aktivierung hat verschiedene positive Auswirkungen auf das Leben eines Menschen mit einer Demenzerkrankung. Bewegung fördert die Durchblutung und damit auch die Sauerstoffversorgung des Gehirns. Damit verbunden ist ein verlangsamter Abbau kognitiver Leistungen. Ein gezieltes Bewegungstraining hilft Menschen mit einer Demenzerkrankung, die körperlichen und motorischen Kompetenzen zu erhalten, die gebraucht werden, um den Alltag möglichst selbstständig zu meistern. Eine regelmässige körperliche Aktivierung hat positive Auswirkungen auf typische Verhaltensauffälligkeiten, z.B. auf Schlafstörungen oder depressive Verstimmungen.

Ein Bewegungstraining hat – insbesondere dann, wenn es in einer Gruppe durchgeführt wird – positive Auswirkungen auf die Kommunikationsfähigkeit der Betroffenen. Bewegung und körperliche Aktivität verbessern die Körperwahrnehmung, eine unmittelbare Voraussetzung dafür, sich waschen, anziehen oder kämmen zu können. Mit gezielten Bewegungen und Übungsformen kann folgenden krankheitsbedingten Einschränkungen entgegengewirkt werden:

  • Nachlassende Konzentration
  • Verlängerte Reaktionszeit
  • Körperliche und geistige Starre
  • Verminderte Vitalität
  • Labile Affekte
  • Depressive Verstimmungen
  • Eingeschränkte Orientierung


Weiterführende Literatur
Jasper, B.M., Regelin, P. (2011). Menschen mit Demenz bewegen. 196 Aktivierungsübungen für Kopf und Körper. Hannover.

Dalcroze-Rhythmik

Die Dalcroze-Rhythmik spricht den Menschen als Ganzes an, fördert seine Wahrnehmung sowie seine körperliche und geistige Beweglichkeit. Sie wurde ursprünglich für die musikalische Erziehung von Kindern entwickelt und sollte deren Musikalität fördern. Schon bald liessen sich jedoch auch positive Einflüsse auf die motorische Wendigkeit, auf psychomotorische Fähigkeiten, Konzentrationsvermögen, Gedächtnis, Achtsamkeit und Fantasie der Kinder beobachten. Als Folge wird die Dalcroze-Methode heute zunehmend auch bei Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung und bei Menschen im Alter zur Gesundheitsförderung angewendet. In einer Kombination aus Musik, Rhythmik, Bewegung und Spass wird die Wahrnehmung sowie die geistige und körperliche Mobilität gefördert. Zudem stärkt das Erlebnis in der Gruppe soziale Kontakte und die Psyche. Körperliche und seelische Spannungen werden durch Musik gelöst.

Wissenschaftlich konnte nachgewiesen werden, dass sich durch das regelmässige Anwenden der Methode, die Gangsicherheit im Alltag verbessert werden kann und es weniger häufig zu Stürzen kommt. Studien an Menschen mit einer Demenzerkrankung zeigten zudem einen positiven Einfluss auf Gedächtnisleistungen, verbale Kommunikation und räumliche Orientierung. Auch weniger aggressives Verhalten, eine Abnahme notorischer Unruhe und ein besseres Schlafverhalten liessen sich beobachten.

Weiterführende Literatur

EMfit. Qualität in der Gesundheitsförderung
Verein Erwachsenen- und Seniorenrhythmik nach Dalcroze

Sensorik

Basale Stimulation

Basale Stimulation wurde von Andreas Fröhlich, einem Professor für Heilpädagogik und heilpädagogischer Psychologie, auf der Suche nach elementaren Fördermöglichkeiten für schwerstmehrfachbehinderte Kinder entwickelt. Andreas Fröhlich beschreibt die Entwicklung der ersten Lebensjahre im Modell von sechs Orientierungs- und Erfahrungsräumen, die sich immer mehr ausweiten. Sie reichen vom Erleben des eignen Torsos (Rumpf mit Mund und Hals) über den ganzen Körper, das Bett, den (Roll-)Stuhl, das Zimmer mit Mobiliar, das ganze Haus/Heim mit Aussenanlagen bis hin zum Wohnort und darüber hinaus (ganze Welt).

In Anlehnung an früh entwickelte Erlebens- und Kommunikationsformen versucht Basale Stimulation mit den Menschen in Kontakt zu treten und diesen Kontakt aufrecht zu erhalten bzw. zu erweitern. Das Konzept geht davon aus, dass jeder Mensch, so lange er lebt, auf elementare Sinnes- und Kommunikationssysteme zurückgreifen kann. Dies trotz seinen kognitiven, somatischen und psychischen Einschränkungen. Zugangsmöglichkeiten bieten die unterschiedlichen Wahrnehmungsbereiche, die einem Menschen zur Verfügung stehen. Im Zentrum steht ein multisensorischer, körpersprachlicher Dialog – der «somatische Dialog».

Besonders bedeutsam ist der Ansatz der Basalen Stimulation bei Menschen mit einer Demenzkrankheit. Auch bei einer Kombination von geistiger und mehrfachen Behinderung und Demenzerkrankung ist die basale Stimulation ein wichtiges Instrument, um diese Menschen zu erreichen und mit ihnen zu kommunizieren.  Die basale Stimulation trägt dazu bei, dass diese Menschen sich im eigenen Körper, in Raum, Zeit und Umwelt zurechtfinden.

Im Verlauf der Krankheit, kann die Entwicklungsbewegung von der grossen weiten Welt über die sich immer stärker verdichtenden Räume in Richtung des eigenen Körpers verlaufen. Die verschiedenen demenziellen Entwicklungen zielen, wenn die Person nicht zuvor verstirbt, letztlich in Richtung des letzten lebendig erfahr- und entdeckbaren Raums, des Lebens- und Orientierungsraums des eigenen Körpers. In ihm lebt die ganze Person weiter, mitsamt ihrer im Körper verankerten Geschichte. Über die Sinnesorgane bleibt sie bis zum Ende «ansprechbar» und «berührbar».

Basale Stimulation: Lebensthemen nach Christel Bienstein

Im Jahr 2003 wurden von Christel Bienstein die zentralen Ziele der basalen Stimulation im Konzept der aktuellen Lebensthemen neu formuliert. Als Lebensthemen gelten Themen, die im Leben eines Menschen von Bedeutung sind und ihn beschäftigen. Sie werden also aus der Perspektive des Menschen, um den es geht, formuliert und können deshalb gut für eine Prioritätensetzung bei den Aktivitäten des täglichen Lebens eingesetzt werden. Nicht alle Lebensthemen sind jederzeit für den einzelnen Menschen gleich wichtig. Als Lebensthemen gelten:

  • Leben erhalten und Entwicklung erfahren
  • Das eigene Leben spüren
  • Sicherheit erleben und Vertrauen aufbauen
  • Den eigenen Rhythmus entwickeln
  • Das Leben selbst gestalten
  • Die Aussenwelt erfahren
  • Beziehungen aufnehmen und Begegnungen gestalten
  • Sinn und Bedeutung geben und erfahren
  • Selbstbestimmung und Verantwortung leben
  • Die Welt entdecken und sich entwickeln

Weiterführende Literatur

  • Bienstein, C., Fröhlich, A. (2012). Basale Stimulation in der Pflege. Bern.
  • Fröhlich, A. (2010). Basale Stimulation in der Pflege. Das Arbeitsbuch. Bern.
  • Buchholz, T., Schürenberg, A. (2013). Basale Stimulation in der Pflege alter Menschen. Anregungen zur Lebensbegleitung (4. Auflage). Bern.

Snoezelen

Das Snoezelen-Konzept wurde in den Niederlanden für die Arbeit mit Menschen mit Mehrfachbehinderungen entwickelt. Ausgesprochen als «Snuselen», ist der Begriff eine Verbindung aus den holländischen Wörtern «snuffelen» (schnüffeln/schnuppern) und «doezelen» (dösen/schlummern). Das Snoezelen löst Sinnesempfindungen aus, die in verschiedensten Wahrnehmungsbereichen entspannende oder aktivierende Wirkung zeigen. Es wird oft mit Wohlfühlen und Beschäftigung assoziiert und als Konzept heute sowohl in Therapiesettings wie auch zur gezielten Förderung eingesetzt.

Dem Snoezelen liegt die Annahme zugrunde, dass die Umwelt mit ihren gebündelten Reizinformationen auf Menschen mit einer geistigen und/oder mehrfachen Behinderung überfordernd wirken kann. Schwierigkeiten in der Differenzierung und Unterscheidung verschiedener Reize verhindern in bestimmten Situationen unter Umständen eine angemessene Reaktion. Demgegenüber werden beim Snoezelen Reize selektiv angeboten. Dies verhindert die Reizüberflutung und -überforderung, und Betroffene können sich auf einen einzelnen Reiz konzentrieren.

Das Snoezelen kommt heute auch bei Menschen im Alter und Menschen mit einer demenziellen Erkrankung zur Anwendung. Im Snoezelen-Raum kann eine entspannte Atmosphäre geschaffen werden, was in einem anderen Setting sonst oftmals schwer zu erreichen ist. Je nach Setting kann anstelle eines Snoezelen-Raums auch eine mobile Snoezelen-Station sinnvoll sein, z.B. bei bettlägerigen Personen. Das Snoezelen kann Betroffene auch dabei unterstützen, sich auszudrücken oder schöne Erinnerungen aus dem eigenen Leben wachzurufen.

Zahlreiche Studien aus verschiedenen Ländern belegen die Wirkung des Konzepts. Eine Studie der Universität Utrecht (2004) in Altenpflegeheimen konnte z.B. festhalten, dass die Bewohnerinnen und Bewohner weniger apathisches und aggressives Verhalten und insgesamt eine positivere Grundstimmung zeigten. Sie zogen sich weniger zurück, zeigten mehr Freude und sprachen häufiger in ganzen Sätzen. Bei den Mitarbeitenden stieg zudem die Arbeitszufriedenheit, und die Interaktion zwischen Pflegepersonal und Betroffenen verbesserte sich.

Weiterführende Literatur

Aktivierung

10-Minuten-Aktivierung nach Ute Schmidt-Hackenberg

Ziele und erwünschte Ergebnisse der 10-Minuten-Aktivierung nach Ute Schmidt-Hackenberg

  • Die Konzentration fördern
  • Erinnerungen aktivieren
  • Das Abrufen von Wörtern aus dem Wortspeicher fördern.

Beschreibung

Aus verschiedenen Lebensbereichen werden Aktivitäten und Beschäftigungen für höchstens zehn Minuten angeboten. Die dazu notwendigen Materialien sind in einzelnen, beschrifteten Kartons vorbereitet und nach Themengebieten sortiert. Im Deckel eines jeden Kartons finden sich die Impulse zum Gespräch und eventuell zur Körperbewegung, die damit ausgeführt werden kann. Die Themen richten sich nach der Biografie der Teilnehmenden. Die Aktivitäten können sowohl kleinen Gruppen als auch einzelnen Personen angeboten werden.

Themengebiete können z.B. sein:

  • Taschentücher
  • Küchengeräte wie Kartoffelschäler, Kochlöffel
  • Waschmittel
  • Handwerksgeräte wie Hobel, Hammer
  • Holzleisten
  • Schulgegenstände wie Tafel, Kreide
  • Postkarten
  • Spielzeugautos
  • Gegenstände zu bestimmten Jahreszeiten, Festen

Weiterführende Literatur

  • Völkel, I., Ehmann, M. (2016). Betreuungsassistenz. Lehrbuch für Demenz und Alltagsbegleitung. München. S. 212–213.
  • Schmidt-Hackenberg, U. (1996). Wahrnehmen und Motivieren: Die 10-Minuten-Aktivierung für die Begleitung Hochbetagter. Hannover.
  • Schmidt-Hackenberg, U. (2013). 10-Minuten-Aktivierung als Methode. Ergänzt um die Körpersprache der Dementen. Hannover.

Integrative aktivierende Alltagsgestaltung (IAA)

Das übergeordnete Ziel der integrativen aktivierenden Alltagsgestaltung (IAA) ist die bestmögliche Lebensqualität der Menschen in stationären und halbstationären Einrichtungen. Das Ziel ist die Wahrung der Würde und der Wertschätzung durch den Einsatz entsprechender Massnahmen für Menschen mit oder ohne Behinderungen und einer Demenzerkrankung. Die integrative Aktivierung ist eingebettet in den Pflegealltag. Sie wird nicht als isoliertes therapeutisches Angebot verstanden, sondern ist im Zusammenspiel mit alltagsgestaltenden Angeboten ein wichtiger Faktor zur Erhaltung der individuellen Lebensqualität. Die konkreten Massnahmen der integrativen aktivierenden Alltagsgestaltung beruhen auf drei grundsätzlichen Eckpfeilern: Lebenswelt, milieutherapeutischer Leitgedanke und Ressourcen-Defizit-Modell.

Gemäss dem Anspruch einer ganzheitlichen Pflege, Betreuung und Begleitung, geht es dabei auch um das bio-psychosoziale Element.  In jedem Schritt des Begleitungs- Betreuungs- und Pflegeprozesses  ist die integrative aktivierende Alltagsgestaltung einzubeziehen und umzusetzen. Die begleitende Alltagsgestaltung folgt dabei dem Strukturierungsmodell «Aktivitäten, Beziehungen und Existenzielle Erfahrungen des Lebens» (ABEDL) von Monika Krohwinkel (Krohwinkel, Prozesspflege 2013). Sie hat das Pflegemodell der 12 Aktivitäten des täglichen Lebens von Liliane Juchli um den für die aktivierende Alltagsgestaltung zentralen Bereich «Soziale Bereiche des Lebens sichern und Beziehungen gestalten können» erweitert.

Aktivitäten und Beschäftigungen für Menschen mit Demenz

Menschen mit Demenz können ihre eigenen Interessen und Bedürfnisse häufig nicht mehr ausdrücken und geltend machen. Das stellt hohe Anforderungen an die fachliche und menschliche Kompetenz des Personals. Ein wichtiger Orientierungspunkt für Aktivitäten und Beschäftigungen stellen Informationen aus der Biografiearbeit, das früheren Umfeld so wie auch der Lebensgestaltung der Menschen mit einer Demenzerkrankung dar. Wird die individuelle Lebensgestaltung  und das Anliegen der Lebensqualitätskonzeption ernst genommen, muss immer wieder konkret herausgefunden werden, was aktuell guttut und wodurch Annahme, Vertrauen und Geborgenheit erlebt werden kann. Zudem sind die Aktivitätsangebote abhängig von den Einschränkungen der Gedächtnis- bzw. Gehirnleistung der  an Demenz erkrankten Menschen. Angebote sollen animieren und aktivieren, aber nie überfordern. Das heisst, sie müssen immer wieder überprüft und angepasst werden.

Bewährte Aktivitätsangebote:

  1. Musikalische Aktivierung (Rhythmus, Singen)
  2. Aktivierung durch Erinnerungspflege (10-Minuten-Aktivierung, Reminiszenztherapie), Fotos, Erinnerungsstücke
  3. Spiele (Gesellschaftsspiele, Bewegungsspiele)
  4. Familien- und hausarbeitsorientierte Beschäftigungen
  5. Tiergestützte Therapie
  6. Gestalterische und handwerkliche Tätigkeiten
  7. Wahrnehmungsförderung (sinnliches Erleben)
  8. Snoezelen

Weiterführende Literatur

Tschan, E. (2010). Integrative Aktivierende Alltagsgestaltung. Konzept und Anwendung. Bern.
Mötzing, G. (2013). Beschäftigung und Aktivitäten mit alten Menschen (3. Aufl.). München.

Virtuelle Alltagswelten

Unter virtuellen Alltagswelten werden u.a. fiktive Bushaltestellen, Bahnabteile oder vergleichbare inszenierte Räume und Angebote verstanden. In der Schweiz hat zum Beispiel die Gestaltung eines Bahnabteils mit einer entsprechenden Ausstattung im Domicil Kompetenzzentrum Demenz, Bethlehemacker, Bern, grosse Diskussionen ausgelöst.  So werden Leinwände, die wie Zugfenster aussehen und auf denen Landschaften vorbeiziehen genutzt. Sie vermitteln den Eindruck, man befinde sich in einem Bahnabteil und bewege sich durch Landschaften und Städte. So finden verschiedenste Formen von virtuellen Angeboten heute den Eingang in den Alltag von Einrichtungen für Menschen mit Demenz. Diese Entwicklung wird in der Fachwelt kontrovers diskutiert. Mitglieder des Kuratoriums und des Teams von Demenz Support Stuttgart haben sich kritisch damit auseinandergesetzt und ihre Stellungnahme veröffentlicht.

Weiterführende Literatur
Rüegger, H. (2016). Ethische Aspekte im Umgang mit assistierender Technologie in Institutionen der Langzeitpflege. Herausgegeben von CURAVIVA Schweiz. Bern.

Therapeutische Ansätze

MAKS-Therapie

Bei der MAKS-Therapie handelt es sich um ein speziell auf die Bedürfnisse der Menschen mit einer Demenzerkrankung abgestimmtes Konzept zur ganzheitlichen Ressourcenförderung, welches aus vier Komponenten besteht: Motorische, Alltagspraktische und Kognitive Aktivierung mit Spiritueller Einstimmung.

Das Bundesministerium für Gesundheit in Deutschland hat im  Rahmen der Initiative «Leuchtturmprojekt Demenz» dazu eine Studie  von Dezember 2008 bis Januar 2010 in Pflegeinstitutionen durchgeführt. Dabei konnte die Wirksamkeit der nicht-medikamentösen MAKS-Therapie bei Menschen mit Demenz eindrucksvoll belegt werden: Alltagspraktische und geistige Fähigkeiten konnten so über mindestens ein Jahr stabilisiert werden, zusätzlich waren die die Betroffenen positiverer gestimmt  und zeigten weniger demenztypische Verhaltensauffälligkeiten.

Weiterführende Literatur
Eichenseer, B., Grässel, E. (2015). Aktivierungstherapie für Menschen mit Demenz. Motorisch-alltagspraktisch-kognitiv-spirituell (2. Aufl.). München.

Tiergestützte Interventionen (TGI)

In der Tagesgestaltung von Menschen mit Demenz und auch bei Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung erhalten verschiedene Formen des Einsatzes von Tieren einen festen Platz. Dass Tiere manchmal den besseren Zugang zu Menschen finden, ist schon lange bekannt. So sind zum Beispiel die «Blindenhunde» bei Menschen mit Sehbehinderungen eine unverzichtbare Stütze.

Wirkung von tiergestützten Interventionen

Vielfältige Erfahrungen zeigen, dass Menschen mit einer Demenzerkrankung, wie auch Menschen mit einer geistigen und und mehrfachen Behinderung, nach einer tiergestützten Intervention entspannt, innerlich ruhiger und deutlich engagierter sind. Dabei können sich folgende Auswirkungen zeigen:

  • Erleben von positiven und stressfreien Begegnungen ohne Konfrontation mit den krankheitsbedingten Defiziten im Kommunikationsbereich;
  • sich vom Tier angenommen und wertgeschätzt zu fühlen;
  • positive Stimulation (psychische, physische und soziale Prozesse);
  • Erleben eines vielfältigen Spektrums an Gefühlen und Erfahrungen auch bei fortgeschrittener Demenz;
  • Stärkung der Kompetenzen (z.B. Fürsorgekompetenz) und Erfolgserlebnisse;
  • Zugang zu emotionalen Lebensmomenten.

Praxisbeispiele

In vielen Alters- und Pflegeinstitutionen und in Institutionen für Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung nehmen Mitarbeiterinnen gelegentlich oder regelmässig ihren eigenen Hund zur Arbeit mit und/oder setzen ihn gezielt bei Aktivitäten mit demenzkranken Bewohnerinnen ein. In der Schweiz vermittelt zudem eine Vereinigung  solche Einsätze. Der Hundebesuchsdienst für Menschen mit einer Demenzerkrankung orientiert sich an den Wünschen und Fähigkeiten, aber auch an den Charaktereigenschaften und Möglichkeiten der Besuchshunde. Möglich sind Begleitungen bei Spaziergängen, aber auch Besuche bei bettlägerigen Menschen. Alle Hunde sind auf ihre Eignung für den Besuchsdienst von einem zertifizierten Hundetrainer getestet worden und ihre Besitzer haben einen Schulungskurs zum «Begleiter für Menschen mit Demenz» absolviert.

Weiterführende Literatur

Wesenberg, S. (2015). Tiergestützte Interventionen in der Demenzbetreuung. Wiesbaden.
Hegedusch, E
., Hegedusch, L. (2010). Tiergestützte Therapie bei Demenz. Die gesundheitsfördernde Wirkung von Tieren auf demenziell erkrankte Menschen. Hannover.
Leser, M. (2008). Mensch-Tier-Beziehungen. Tiereinsätze im Heimbereich. Bern.
Demenz-Hilfe

Naturgestützte Therapie

Verschiedene Untersuchungen zeigen eine positive Wirkung auf das Einbeziehen der Natur in den Alltag von Menschen mit einer Demenzerkrankung. Bereits der Blick in die Natur und ins Freie ermöglicht oft eine hilfreiche Orientierung in Bezug auf den Wechsel der Tages- und Nachtzeit wie auch auf die verschiedenen Jahreszeiten. Eine natürliche Umgebung kann bei Menschen mit einer weit fortgeschrittenen Demenz Agitiertheit (krankhafte Unruhe) und Aggression verringern. Weil die Natur anregend auf die Sinne wirkt, kann dieser Ansatz auch im Sinne einer multisensorischen Therapie für Menschen mit einer Demenzerkrankung dienen. Das gezielte Einbeziehen der Natur erfordert das Vorhandensein von gewissen baulichen Voraussetzungen. Besonders wichtig ist eine gute Verbindung zu Aussenräumen, die auch demenzgerecht gestaltet ist. Aber bereits die Höhe und die Positionierung der Fenster und Möbel, der Ort und die Gestaltung der Übergangsbereiche sowie die Einbeziehung überdachter Wege oder Kreuzgänge können förderlich oder hinderlich wirken. Die Schnittstellen zwischen Innen- und Aussenbereich sind möglichst durchlässig zu gestalten. Gezielte Aktivitäten im Freien können das Wohlbefinden und die Interaktion fördern. Dazu gehören:

  • Selbstständig barrierefrei nach draussen gehen
  • Spaziergang machen
  • Im Garten sitzen
  • Gartenarbeiten
  • Haushaltarbeiten im Garten erledigen
  • Ausflüge in die Natur machen

Die Natur lässt sich aber auch ins Haus holen, indem man natürliche Elemente oder naturbezogene Aktivitäten in die Alltagsgestaltung einbindet. Dazu gehören zum Beispiel Zimmerpflanzen, Schnittblumen, Gegenstände aus der Natur,  etc., die man sammelt. Allerdings kann der Umgang damit im Alltag zu Schwierigkeiten führen. Menschen mit Demenz können Blumen und Blätter pflücken und essen oder Pflanzen unkontrolliert giessen.

Möglichkeiten für naturbezogene Aktivitäten

  • Massage mit Aromaölen (Aromatherapie)
  • Gartenarbeiten
  • Basteln und Handwerken mit Naturprodukten
  • Kochen
  • Backen
  • Floristische und dekorative Aktivitäten (den Jahreszeiten entsprechend)

Bei Menschen mit Epilepsie oder Hirnverletzungen muss mit stark riechenden Aromen vorsichtig umgegangen werden. Diese können Kopfschmerzen, Übelkeit und auch Anfälle hervorrufen. Ebenfalls ist Vorsicht geboten bei allfälligen Allergien.

Weiterführende Literatur
Chalfont, G. (2010). Naturgestützte Therapie. Tier- und pflanzengestützte Therapie für Menschen mit Demenz planen, gestalten und ausführen. Bern.
Kanton Bern & Stadt Bern (Hg.). (2009). Gestaltung von Aussenräumen für Demenzkranke. Empfehlungen für Institutionen und Baufachleute. Zugriff am 11.01.2018.

Aromatherapie

Während in der Aromatherapie ätherische Öle zur Heilung von Krankheiten eingesetzt werden, haben sie im Kontext der Demenzkrankheit eine andere Funktion. Konkret werden sie genutzt, um Erinnerungen zu wecken, da Geruchserlebnisse in unserem Langzeitgedächtnis gespeichert werden. Zu beachten ist allerdings, dass auch unangenehme Erinnerungen durch ätherische Öle aktiviert werden können, wobei insbesondere an unverarbeitete Traumata zu denken ist. Daher ist wichtig, dass ganz vorsichtig damit umgegangen wird und man sich dieser Wirkungsmöglichkeit jederzeit bewusst ist. Aber auch an eventuelle Allergien ist zu denken. Vor dem Einsatz von ätherischen Ölen ist dies unbedingt mit dem behandelnden Arzt abzuklären. Menschen mit einer geistigen Behinderung haben nicht selten auch eine epileptische Erkrankung. Bei dieser Gruppe ist Vorsicht angebracht beim Einsatz von ätherischen Ölen, da diese einen epileptischen Anfall auslösen könnten.

Weiterführende Literatur
Wabner, D. & Beier, C. (Hrsg.). (2012). Aromatherapie. Grundlagen. Wirkprinzipien. Praxis (2. Aufl.). München.

Maltherapie

Malen kann bei Menschen mit einer Demenzkrankheit als Alltagsaktivität oder therapeutisch eingesetzt werden. Dies gilt auch für Menschen mit einer geistigen oder mehrfachen Behinderung und einer Demenzerkrankung.

Malen als Alltagsaktivität

Zielsetzung dieses Angebotes ist das Schaffen eines positiven Ereignisses durch das konkrete Erleben der eigenen Kreativität und das Erfahren des Wert-Seins im Prozess und im Resultat. Das Malen kann dazu beitragen, das abnehmende Selbstwertgefühl ein Stück weit zurückzugewinnen. Es dient als begleitende Massnahme um die momentane Lebensqualität zu erhöhen. Daneben gilt es auch die verbliebenen Fähigkeiten zu erhalten.  Das Malen in der Gruppe kann zudem ein positives Gemeinschaftserlebnis erzeugen. Beim Malen kann eine neue Beziehungsebenen zwischen den anleitenden Personen und den an Demenz erkrankten Menschen entstehen. Die Begleitpersonen lernen die Menschen beim Malen vielleicht von einer ganz neuen Seite kennen wie beispielweise unvermutete Wahrnehmungs-, Empfindungs- und Äusserungsfähigkeiten. In den frühen Phasen der Krankheit kann das Malen durch die Vorgabe und Einleitung von Themen (Kerze, Schneemann, Baum, Schiff, Regenbogen u.a.) angeregt werden.

Ausdrucksmalen

Im begleiteten Ausdrucksmalen (meist in Kleingruppen) geht es darum, ohne Themen schöpferisch tätig zu sein und sich an Sinnes- und Körperimpulsen zu orientieren. Diese Form eignet sich genauso für Menschen mit einer fortgeschrittenen Demenz wie auch bei Menschen mit einer geistigen oder mehrfachen Behinderung. Das Malen soll in einem zweckmässig eingerichteten Raum stattfinden, der Ruhe und Stille ausstrahlt. Gemalt wird – falls möglich – stehend. Eine Malstunde hat normalerweise einen rituellen, gleichbleibenden Ablauf. Die Malenden haben allen Freiraum, mit Farben und Formen das zu Papier zu bringen, was sie im Moment gerade bewegt und beschäftigt.

Weiterführende Literatur

  • Kiessling, B., Kiessling, H., Osten, B. (2014). Malen mit Demenz. Das Praxishandbuch. 15 erprobte Beispiele für Angehörige, Pflegekräfte und Pädagogen. Frankfurt am Main.
  • Sulser, R. (2010). Ausdrucksmalen für Menschen mit Demenz (2. Aufl.). Göttingen.

Musik und Musiktherapie

Musik hilft Menschen, sowohl mit anderen Menschen als auch mit der eigenen Gefühlswelt und dem eigenen Körper in Kontakt zu treten. Musik vermag, die eigene Vergangenheit und die kulturelle Herkunft in Erinnerung zu rufen und ein Gefühl der Verwurzelung und der bleibenden Geborgenheit zu stärken. So sind beispielsweise Liedtexte aus der Kindheit meist auch bei fortgeschrittener Demenz bis auf die letzte Strophe problemlos reproduzierbar, was zu einer momentanen Steigerung des Selbstbewusstseins führen kann. Auch bei Menschen, die nebst der Demenzerkrankung eine geistige oder mehrfache Behinderung haben, lassen sich durch Musik oftmals erstaunliche Ressourcen entdecken und fördern. Musik eignet sich zudem hervorragend als Gruppenaktivität, auch dann, wenn das Singen oder der Gebrauch von Instrumenten stark eingeschränkt oder gar nicht möglich ist.

Quellen und weiterführende Lektüre

  • Willig, S., Kammer, S. (2012). Mit Musik geht vieles besser. Der Königsweg in der Pflege bei Menschen mit Demenz. Hannover.
  • Wosch, T. (2011). Aktueller Stand der Musiktherapie bei Alter und Demenz. In T. Wosch (Hg.), Musik und Alter in Therapie und Pflege, Grundlagen, Institutionen und Praxis der Musiktherapie im Alter und bei Demenz. Stuttgart, S. 13-31.

Wirkung von Musik und neurophysiologische Aspekte

Der Hörsinn ist der erste Sinn des Menschen, der sich während der Schwangerschaft entwickelt, den schon im 6. Schwangerschaftsmonat, kann der Fötus Geräusche wahrnehmen.  Das Gehör ist aber auch der letzte Sinn, der seine Funktion aufgibt. Ausser über das Hören nehmen die bettlägerigen Menschen mit einer Demenz die Umwelt kaum noch wahr. Durch Musik spricht man Menschen in dieser letzten Phase der Demenz auf besondere Art und Weise an. Beim Einsatz von Musik sind verschiedene Aspekte zu beachten:

  • Biografie/Biografiearbeit
  • Aktuelle Befindlichkeit und Lebenssituation
  • Art der Demenzerkrankung
  • Phase der Erkrankung

Neurophysiologische Aspekte

Musik ist in der Lage, auch Menschen mit einer starken kognitiven Einschränkung zu erreichen. Die verschiedenen Parameter der Musik (Rhythmus, Tempo, Melodie) stimulieren unterschiedliche Hirnareale. Musik ist im Gehirn weit vernetzt. Es gibt kein separates Musikareal, sondern gemeinsame neuronale Systeme. Dadurch findet sich immer eine Ebene, die noch angesprochen werden kann. Insbesondere die sprachlichen Areale des Gehirns werden durch Musik aktiviert. Musik ermuntert also quasi dazu, sich verbal zu äussern. Beim Hören von Musik werden die verschiedenen Gedächtnisstrukturen des Gehirns gleichzeitig aktiv. Wichtig sind die Erinnerungen im Langzeitgedächtnis. Sie stellen Kategorien dar und werden als Prozess abgerufen. Dadurch entstehen Assoziationsketten. Ein Lied kann für ein paar Minuten in die eigene Schulzeit zurückversetzen, wenn es in der Schule gelernt wurde. Emotionen, die durch Musik erzeugt werden, werden in spezifischen Anteilen des limbischen Systems verarbeitet. In dieser Gegend des Stammhirnes werden vegetative Prozesse gesteuert (Atmung, Pulsschlag usw.) und auch der Hormonhaushalt. Beim Hören von Musik kann also auch eine vegetative, nicht willkürlich steuerbare Reaktion ausgelöst werden.

Musik in den Aktivitäten des täglichen Lebens, Singen

Musik kann eine hilfreiche und unterstützende Massnahme im konkreten Pflegealltag sein. Zu allen Aktivitäten und existenziellen Erfahrungen des täglichen Lebens ATL's lassen sich musikalische Aspekte aufzeigen. Musik kann viele positive Gefühle auslösen und Einfluss auf die Lebensqualität haben (z.B. Entspannung bei Spastiken durch Einsatz eines Klangbetts). Allerdings ist auch hier eine Reizüberflutung zu verhindern. Und zu allen Aktivitäten des täglichen Lebens gibt es Lieder und Musikstücke, die eine Bedeutung bzw. eine Wirkung haben könnten.

Singen

Die Stimme ist unser körpereigenes und individuelles Ausdrucksinstrument. In ihr spiegeln sich «Stimmungen» und werden Emotionen hörbar. Die Stimme kennzeichnet die Persönlichkeit und macht sie unverwechselbar. Singen ist Ausdruck von Gefühlen und beeinflusst die Gemütsverfassung. Über das Singen wird Menschen mit einer Demenzerkrankung und Menschen mit einer geistigen Behinderung und einer Demenzerkrankung die Möglichkeit gegeben, ihre momentane Gefühls- und Bedürfnislage auszudrücken. Dies gilt sowohl für positive Emotionen, also auch für Momente, die Traurigkeit, Angst oder Schmerz beinhalten. Es sind verschiedene Hilfsmittel (Singbücher, Liedkassetten usw.)  mit bei spezifischen Altersgenerationen populären Liedern erhältlich.

Weiterführende Literatur 
Alzheimervereinigung beider Basel (ALZBB - Demenz, Alzheimer, Prävention, Musik, …)

Musiktherapie

Musiktherapie bei Menschen mit einer Demenzerkrankung sowie auch bei Menschen mit einer geistigen Behinderung lässt sich gemäss Wosch wie folgt definieren: «Musiktherapie bei Demenz ist die Zusammenarbeit zwischen Klient und Therapeut zur Förderung des Demenzbetroffenen in allen seinen physischen, psychischen und sozialen Ressourcen, welche unter der Einbeziehung aller Erscheinungsformen des Musikerlebens sowohl wissensbasiert, zielgerichtet als auch gemeinsam erkundend erreicht werden.» (Wosch, 2011, S. 23) Inzwischen existieren Wirkungsstudien, die signifikante Verbesserungen verschiedener Symptome bei Menschen mit einer Demenzerkrankung durch den gezielten Einsatz von Musiktherapie aufzeigen (z.B. Reduktion von Agitiertheit, krankhafte Angetriebenheit, Angst, Depressivität und Apathie sowie Verbesserung der empathischen Teilnahmefähigkeit).

Weiterführende Literatur
Wosch, T. (2011). Aktueller Stand der Musiktherapie bei Alter und Demenz. In T. Wosch (Hg.), Musik und Alter in Therapie und Pflege, Grundlagen, Institutionen und Praxis der Musiktherapie im Alter und bei Demenz. Stuttgart, S. 13-31.

Spiritualität, religiöse Feiern

Religiosität – Einleitung

Im französischen Kulturraum wurde mit spiritualité seit dem 17. Jahrhundert vor allem in der katholischen Ordenstradition die persönliche Beziehung des Menschen zu Gott bezeichnet. Diese hatte in etwa die Bedeutung von «persönlicher Frömmigkeit», persönlicher Glaube. In der angelsächsischen Tradition hingegen sind mit spirituality die Antworten auf die Grundfragen des menschlichen Lebens gemeint. Spiritualität und Religiosität sind nicht gleichzusetzen. Mit Religiosität sind die Glaubensinhalte und die religiöse Praxis in einer bestimmten Religionsgemeinschaft gemeint. Die Verbindung besteht darin, dass alle Religionen versuchen, auf die genannten Grundfragen des Lebens konkrete Antworten zu geben und sie zu durch eine religiöse Praxis zu gestalten. So liefern sie zum Beispiel bestimmte Antworten und Vorstellungen, was nach dem Tod sein wird (Dimension Verlusterfahrungen, Tod). Bei der Generation der gegenwärtigen Menschen im hohen Alter (85 plus) in Institutionen kann durchaus davon ausgegangen werden, dass sie in der Regel in einem christlichen Kontext aufgewachsen sind. Allerdings sind die spezifischen Prägungen zum Beispiel in den verschiedenen Konfessionen (reformiert oder katholisch) und der konkreten sozialen Umwelt (Stadt oder Land, Minderheit oder Mehrheit, konkretes Elternhaus) von grosser Bedeutung.

Der deutsche Diplomat, Psychotherapeut und Zen-Lehrer Karlfried Graf Dürckheim (1896–1988) geht von drei Grundängsten des menschlichen Lebens aus: Angst vor dem Alleingelassen sein, Angst vor Verlusterfahrungen, Angst vor der Sinnlosigkeit. Wichtig sind deshalb:

  • Aufgehobensein, Getragensein, Geborgenheit
  • Kraft, Zuversicht, Hoffnung
  • Sinn, Ordnung Klarheit

Die Vermutung besteht, dass sich diese drei Dimensionen von Spiritualität im Verlauf einer Demenzkrankheit in ihrer Wichtigkeit verändern. Bis zuletzt hat der Aspekt von Aufgehoben sein, Getragen sein, Geborgenheit eine grosse Bedeutung.

Spiritualität und Demenz

Menschen mit einer Demenzerkrankung erleben, wie ihre Welt in Fragmente zerfällt. Sie fühlen sich fremd, heimatlos und nicht mehr zugehörig. Der Rückgriff auf ihre spirituellen Ressourcen ist für sie darum besonders wichtig und stützend. Verschiedene Entwicklungspsychologen (u.a. James Fowler, Stufen, 1991) haben aufgezeigt, dass wir Menschen uns auch im Bereich der Spiritualität entwickeln und verschiedene Stufen durchlaufen. Gemäss dem Modell der Retrogenese (ein Prozess, bei welchem degenerative Mechanismen in der Kindheitsentwicklung umgekehrt werden) nach Barry Reisberg muss davon ausgegangen werden, dass im Verlaufe der Demenzerkrankung Menschen die durchlaufenen Stufen rückwärts nochmals erleben. Das bedeutet, dass sie aus den Ressourcen früherer Entwicklungsstufen – auch betreffend Spiritualität – schöpfen. Durch eine entsprechende Biografiearbeit und durch ein Spiritual Assessment mit einem geeigneten Instrument (z.B. SpAss des Instituts Neumünster Zollikerberg) können die individuellen spirituellen Ressourcen der von einer Demenzerkrankung betroffenen Person erhoben werden, um sie gezielt zu unterstützen.

Weiterführende Literatur

Eglin, A. et al. (2008). Das Leben heiligen. Spirituelle Begleitung von Menschen mit Demenz. Ein Leitfaden (3. Aufl.). Zürich.
Eglin A. et al. (2009). Tragendes entdecken. Spiritualität im Alltag von Menschen mit Demenz. Reflexionen und Anregungen. Zürich.
Fowler, J. W. (1991). Stufen des Glaubens. Die Psychologie der menschlichen Entwicklung und die Suche nach Sinn. Gütersloh.

Religiöse Feiern

Die gegenwärtige Generation der von der Demenzkrankheit betroffenen Menschen, sind heute in der Regel in einem christlichen Kontext aufgewachsen. Das gilt auch für die meisten Menschen mit einer geistigen Behinderung und einer Demenzerkrankung. Dies wird sich in den nächsten Jahren auch aufgrund der in der Schweiz ansässigen Menschen mit Migrationshintergrund vermehrt ändern. Zu den spirituellen Ressourcen der Menschen, die im christlichen Kontext aufgewachsen sind, gehören in der Regel auch positive Erfahren mit einer kirchlichen Gemeinschaft, wie sie unter anderem auch im Gottesdienst und/oder Eucharistie/Abendmahl erlebt wird.

Erfahrungen zeigen, dass Menschen mit einer Demenz in einer gottesdienstlichen Feier – wenn sie demenzgerecht gestaltet ist und die Rahmenbedingungen dazu geschaffen werden – sich wohlfühlen und zur Ruhe kommen. Gemäss den kognitiven Einschränkungen durch die Demenzkrankheit muss allerdings eine sehr einfache Sprache benützt werden. Hilfreich ist auch der Einsatz von Ritualen und Symbolen. Bekannte Lieder und Gebete ermöglichen die aktive Teilnahme der Menschen mit Demenz. Um die verschiedenen Sinne anzusprechen eignen sich spezifische, thematisch gestaltete Feiern entlang des Kirchenjahres und des Jahreslaufs. Das traditionelle Brauchtum kann unterstützend integriert werden (z.B. Ostern mit Osterbräuchen).

Weiterführende Literatur

Minder, H., Spirig, O. (2014). Begleiten in Freud und Leid. Herausgegeben von der LeA-Schule. Gwatt.
Set der LeA-Schule

Geistliches Zentrum für Menschen mit Demenz und deren Angehörige
Zeller U. (2014). Demenz & Bibel: Seelsorge im Altenheim. Wie kann man Menschen mit Demenz das Evangelium erklären? München.