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Themendossiers

Sucht im Alter

Suchtprobleme kommen auch bei älteren Menschen vor; die Suchtproblematik, wird aber noch oft tabuisiert. Der Umgang mit Suchtgefährdeten und Suchtkranken, hier reden wir vor allem von Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit, in Alters- und Pflegeinstitutionen ist eine grosse Herausforderung. Das vorliegende Themendossier soll das Personal der Altersinstitutionen im Umgang mit gefährdeten Bewohnern unterstützen.

Ist Sucht im Alter ein Problem?

Als Folge der demographischen Entwicklung gehen Experten davon aus, dass sich die Anzahl älterer Personen über 65 mit einer Suchtproblematik bis zum Jahre 2020 verdoppeln wird. Somit ist davon auszugehen, dass sich die Anzahl Bewohner in Alters- und Pflegeinstitutionen mit einer Suchtproblematik im gleichen Zeitraum ebenfalls stark zunehmen wird. Wenn man weiss, dass ältere Menschen ohne Suchtproblem länger selbstständig bleiben, so kommt nicht nur der Betreuung von Suchtkranken eine wichtige Rolle zu, sondern auch der Prävention und Frühintervention.                    

Zwischen einem Viertel und einem Drittel der Schweizer Bevölkerung (60 und älter) konsumiert täglich Alkohol (Delgrande & Notari 2011).  Bewohner der Alters- und Pflegeinstitutionen erhalten täglich oft sehr viele Medikamente. Darunter hat es auch Medikamente mit einem hohen Suchtpotenzial, so vor allem die Bezodiazepine (Schlafmedikamente und Sedativa). Dies kann schon nach wenigen Wochen zu einer Abhängigkeit führen.

Für viele Menschen ist Alkohol ein Genussmittel und sie konsumieren Alkohol massvoll. Massvoll heisst bei Männern, max. 3 alkoholische Getränke pro Tag (sogenannte Standardgetränke, z.B. 1 Stange Bier, resp. max. 30g reinen Alkohol) und bei Frauen max. 2 alkoholische Getränke pro Tag (resp. max. 20g reinen Alkohol). Überdies wird empfohlen, mindestens 2 alkoholfreie Tage pro Woche zur Vermeidung einer Toleranzbildung einzuschalten. Von einem chronischen Konsum kann ausgegangen werden, wenn Alkohol regelmässig konsumiert wird, nämlich häufiger als 3-mal pro Woche und mehr als die oben aufgeführte Trinkmenge pro Trinktag.

Für ältere Menschen sind die Grenzwerte niedriger anzusetzen, da der Alkohol schlechter vertragen und abgebaut wird. Älteren Menschen wird daher empfohlen, pro Trinktag nicht mehr als ca. 5dl Bier, 2dl Wein und 4cl Spirituosen – für Männer – und ca. 3dl Bier, 1 dl Wein und 3cl Spirituosen – für Frauen – zu konsumieren. Ein übermässiger Alkoholkonsum kann zu verschiedensten Erkrankungen (z.B. Krebs- und Lebererkrankungen), zu seelischen Problemen (z.B. depressive Verstimmungen) zu kognitiven Einschränkungen (z.B. Demenz) sowie zu einem erhöhten Sturzrisiko führen. Die Risiken steigen, insbesondere wenn Medikamente hinzukommen. Der Übergang von Genuss zu Sucht  ist schleichend.

Early onset und Late onset

Bei älteren Menschen mit einer Suchtproblematik seit dem frühen oder mittleren Erwachsenenalter spricht man von „early onset“ (früh ausgebrochen). Bei älteren Menschen, die erst im Alter eine Suchtproblematik entwickeln, spricht man folglich von „late onset“ (spät ausgebrochen).

Neue Lebenssituationen durch Pensionierung oder Wegfallen von beruflichen und sozialen Kontakten und Rollenverluste, negative Altersbilder mit möglichen narzisstischen Kränkungen, Eintritt in eine Alters- und Pflegeinstitution, die Angst vor Pflegebedürftigkeit, Autonomieverlust und Sterben, die Auseinandersetzung mit der Endlichkeit, fehlende Lebensperspektiven und der Verlust des sozialen Netzwerkes sind Faktoren, die eine Suchtproblematik begünstigen können.

Charakteristik von Suchtverhalten im Alter

Einige Bewohner weisen bei ihrem Eintritt in die Institution bereits eine Suchtproblematik auf, andere entwickeln schleichend eine Abhängigkeit. Betreuungs- und Pflegepersonal werden konfrontiert mit:

  • Verhaltensauffälligkeiten
  • Gleichgewichtsstörungen mit sich wiederholenden Stürzen
  • Konzentrations- und Gedächtnisstörungen
  • Unterernährung, Vitaminmangel
  • Inkontinenz
  • Polyneuropathie
  • Allgemeine Ängstlichkeit, depressive Verstimmung
  • Innere Unruhe
  • Antriebsminderung
  • Verwirrtheit, Halluzinationen
  • Soziale Isolation
  • Verwahrlosung

Oftmals werden gewisse dieser Auffälligkeiten fälschlicherweise dem Alter zugeschrieben. Eine Suchtproblematik wird in der Folge nicht oder zu spät erkannt.

Tatsache ist:

  • 10% der über 60-jährigen und 5% der über 75-jährigen sind alkoholabhängig davon sind 2/3 early onset Abhängige und 1/3 late onset Abhängige
  • 2/3 der Psychopharmaka werden an Menschen über 60 Jahren verschrieben davon sind 70-80% Benzodiazepine
  • 20-25% der Alters- und Pflegeheimbewohnerinnen erhalten Tranquillizer, bzw. Hypnotika

Die Reaktionsweise des Körpers auf Alkohol und Medikamente unterscheidet sich von jenem bei jüngeren Leuten. Ab dem Alter von 60 Jahren führt der verlangsamte Stoffwechsel zu grösseren Kumulationseffekten. Ein erhöhter Wirkspiegel durch reduzierte Enzymaktivität, Zunahme des Fettgewebes infolge Einlagerung, reduzierte Leberdurchblutung, erhöhte Beanspruchung der Leber, verlangsamter Substanzabbau, erhöhte Sensitivität vor allem im zentralen Nervensystem, Interaktionen bei Polypharmazie (somatische Medikamente) und Alkoholmissbrauch sowie erhöhte Sterblichkeit der early onset Abhängigen wird beobachtet.

Früherkennung und Frühintervention

Die Früherkennung hat das frühzeitige Wahrnehmen von Auffälligkeiten und problematischen Verhaltensweisen sowie deren erste Deutung zum Ziel und Inhalt. Eine entsprechende Sensibilität von Seiten der betreuenden und begleitenden Personen sowie Wissen über Symptome, Auffälligkeiten und Handlungskompetenzen beim systematischen und professionellen Erfassen ermöglichen es, allenfalls notwendige Massnahmen zu einem frühen Zeitpunkt einzuleiten. Die Früherkennung ist somit Voraussetzung für die Frühintervention. Die Frühintervention – eingebettet in ein Frühinterventionskonzept – erleichtert den Umgang mit heiklen Situationen beträchtlich, da ein Problem in einer frühen und verhältnismässig ruhigen Phase aktiv in Angriff genommen werden kann.

Früherkennung und Frühintervention bei älteren Menschen lohnt sich sowohl als Gewinn an Lebensqualität, als auch aus ökonomischer Sicht, da damit Gesundheitskosten gespart werden können. Frühinterventions- und Betreuungskonzepte für suchtabhängige ältere Menschen, sowie entsprechende Arbeitsinstrumente unterstützen Alters- und Pflegeinstitutionen in ihren Bemühungen, gezielt präventiv zu arbeiten, bzw. Suchtkranken eine gute Therapie, Pflege und Betreuung zukommen zu lassen.

Unterstützung bei der Erstellung von Konzepten findet sich bei Suchtfachstellen (vgl. www.suchtindex.ch)  sowie bei den folgenden Materialien und Websites:

Der Leitfaden Suchtgefährdung im Alter soll Mitarbeitende und Leitende von Altersinstitutionen im Umgang mit Seniorinnen und Senioren, die suchtgefährdet sind oder Substanzprobleme haben, unterstützen (erarbeitet im Rahmen des Projekts sensor Suchtgefährdung im Alter erkennen, von Akzent Luzern)

Auf der Website www.alterundsucht.ch wird der Nutzen eines Frühinterventionskonzepts und dessen Erarbeitung in fünf Phasen erläutert.

Der Online-Leitfaden der Zürcher Fachstelle zur Prävention des Alkohol- und Medikamenten-Missbrauchs ZüFAM hilft, problematischen Alkohol- und Medikamentenkonsum unter älteren Menschen frühzeitig zu erkennen, und – wo nötig – Interventionen einzuleiten.

Motivation und Informationsvermittlung

Der Aufklärung kommt eine wichtige Bedeutung zu. Ältere Menschen wissen oft gar nicht, dass sie in ihrem Alter eine Chance haben, ihr Suchtverhalten zu verändern. Auch Angehörige sind diesbezüglich zu informieren, da sie in der Prävention und in der Früherkennung von Suchtproblemen, aber auch in der Behandlung eine wichtige Funktion einnehmen und den Bewohner und das Personal mitunterstützen können.

Wissen beeinflusst das Verhalten. Das Wissen darüber, was Suchtmittelprobleme sind und was nicht, welche Gefahren der Konsum von Alkohol und Tabletten beinhaltet und dass Abhängigkeit behandelt werden kann, beeinflusst ältere Menschen positiv. Zusätzlich brauchen ältere Menschen ein Umfeld, das ihnen eine solche Veränderung zutraut, sie unterstützt, ihnen geeignete Angebote unterbreitet, sie im Entscheidungsprozess und in der Therapie berät. Will eine betroffene Person ihr problematisches Konsummuster nicht verändern, sollten der Person nach Möglichkeit Angebote der Schadensminderung zugänglich gemacht werden (z.B. kontrollierter Konsum, Thiamingabe etc.) und die Entscheidung sollte akzeptiert werden, sofern nicht eine Fremdgefährdung oder massive Selbstgefährdung besteht.

Behandlungsaspekte

Gemäss Studien sind Behandlungen der Suchtproblematik bei älteren Personen erfolgreicher oder mindestens ebenso erfolgreich wie bei erwachsenen Personen. Eine Behandlung lohnt sich und kann zu mehr Lebensqualität führen. Folgende Aspekte bei der Behandlung von älteren Menschen mit Suchtproblemen sind leider oft wenig bekannt:

  • Kontrolle zu behalten scheint im Alter besser möglich zu sein (Low-dose).
  • Dosisreduktion als sinnvolles Ziel beziehungsweise tageweiser Verzicht ist realistisch.
  • Unbewusst vorgenommene Reduktionen machen, wenn sie anerkannt werden, Mut für weitere Schritte.
  • Wechsel auf ein Mittel (Benzodiazepine) mit kurzer Halbwertszeit ist schon ein erster Erfolg.
  • Für den Bewohner ist eine verdeckte Reduktion der Medikamente (mit seinem Einverständnis) häufig sinnvoll.
  • Faktoren, wie die langsamere Verstoffwechslung (und damit eine stärkere Wirkung = low-dose Abhängigkeit), krankheitsbedingte Abstinenzen, geringeren sozialen Trinkzwang usw. begünstigen zwar die Konsumabnahme im Alter, dafür ist die Sterblichkeit signifikant erhöht – was die Statistik verfälscht. Bei den Medikamenten verhält es sich ähnlich: Das Risiko der Benzodiazepinabhängigkeit steigt mit dem Alter erheblich. Die Konsummenge nimmt zwar ab, auch wegen der verstärkten Nebenwirkungen, aber rund die Hälfte der Benzodiazepinabhängigen leiden unter low-dose Abhängigkeit (indirekte Dosissteigerung durch verlangsamte Abbau). Häufig kann man im Alter eine Bagatellisierung (beziehungsweise Leugnung der Abhängigkeit) beobachten. Dies ist jedoch nicht nur bei älteren Menschen so.
  • Frauen sprechen besser an auf Therapien als Männer.
  • Wenn die Interventionen auf die Zielgruppe speziell zugeschnitten sind erhöht sich die Erfolgschance.
  • Genderspezifische und migrationsspezifische Angebote sind erfolgsversprechend.
  • Bereits zielgruppengerechte Information kann zu Konsumreduktion führen.
  • Religion, erprobte Bewältigungsstrategien, die soziale Integration usw. sind Ressourcen, die für eine Veränderung des Konsumverhaltens nützlich sein können und die es zu fördern und zu erhalten gilt.

Zusammenarbeit mit Dritten

Der Austausch mit Fachpersonen und der deren Beizug bei Problemen lohnt sich. Fachpersonen sind auch gerne bereit, bei der Ausgestaltung der institutionsbezogenen Angebote und Massnahmen Tipps zu geben.. Informieren Sie sich über die bestehenden Fachstellen in Ihrer Region, knüpfen Sie Kontakte und nehmen Sie deren Beratung in Anspruch.

Publikationen

Fachzeitschrift CURAVIVA Schweiz

Januar 2009

Fachzeitschrift NOVA Cura

November/Dezember 2010 (Suchtprobleme im Pflegeheim, S. 46ff)

SuchtMagazin

Das SuchtMagazin hat bis anhin drei Ausgaben dem Thema Sucht im Alter gewidmet:

Diverse Broschüren

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