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Das elektronische Patientendossier

Das am 15. April 2017 in Kraft getretene Bundesgesetz über das elektronische Patientendossier verpflichtet auch die Pflegeinstitutionen, ihren Bewohnerinnen und Bewohnern künftig ein elektronisches Patientendossier anzubieten.

Einen integralen Bestandteil der 2007 verabschiedeten nationalen Strategie eHealth stellt die schweizweite Einführung des elektronischen Patientendossiers (EPD) dar. Mit der Verabschiedung des Bundesgesetzes über das elektronische Patientendossier (EPDG) im Jahr 2015 wurde ein wichtiger Meilenstein erreicht. Das Bundesgesetz und das dazugehörige Ausführungsrecht sind am 15. April 2017 in Kraft getreten. Bis am 15. April 2022 müssen Pflegeinstitutionen, die stationäre Leistungen zulasten der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP) erbringen, einer Gemeinschaft oder Stammgemeinschaft beigetreten sein und ein EPD anbieten können. Damit stellen sich für die Pflegeinstitutionen auf unterschiedlichen Ebenen Fragen rund um die Einführung des elektronischen Patientendossiers.

 

Inhalt

Was ist das elektronische Patientendossier?
Wieso ein elektronisches Patientendossier?
Wie funktioniert das elektronische Patientendossier?
Was sind Gemeinschaften und Stammgemeinschaften?
Wo gibt es Gemeinschaften und Stammgemeinschaften?
Wer muss ein elektronisches Patientendossier anbieten?
Wer arbeitet in der Pflegeinstitution mit dem elektronischen Patientendossier?
Welche Kosten sind mit dem elektronischen Patientendossier (EPD) verbunden und wer trägt diese?
Welche Dienstleistungen gibt es seitens CURAVIVA Schweiz zum Thema eHealth?
Weiterführende Informationen und Dokumente

 

Was ist das elektronische Patientendossier (EPD)?

Das EPD wird von einer Patientin oder einem Patienten freiwillig eröffnet und enthält behandlungsrelevante Daten und Dokumente. Die Patientin oder der Patient entscheidet nicht nur, ob er bzw. sie ein EPD eröffnen will, sondern auch, welche Gesundheitsfachpersonen Zugriff auf dieses Dossier erhalten. Jeder Zugriff auf das EPD wird zudem protokolliert und ist von der Patientin oder dem Patienten einsehbar.

Das EPD verschafft also allen an einer Behandlung beteiligten Personen mit entsprechenden Zugriffsrechten unabhängig von Zeit und Ort Zugang zu wichtigen gesundheitsrelevanten Informationen.

 

Wieso ein elektronisches Patientendossier (EPD)?

Werden behandlungsrelevante Informationen den verschiedenen an der Behandlung beteiligten Fachpersonen zugänglich gemacht, hat dies einen positiven Einfluss nicht nur auf die Qualität der Behandlung, sondern es verbessert auch den Behandlungsprozess und erhöht die Patientensicherheit.

Mit besonderem Blick auf die Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeinstitutionen ist z.B. an diagnostische Abklärungen oder eine Verlegung ins Spital zu denken: Die externen Gesundheitsfachpersonen können, falls sie einen autorisierten Zugang zum EPD besitzen, alle wichtigen Gesundheitsinformationen selber einsehen. Umgekehrt ermöglicht das EPD, dass auch die Gesundheitsfachpersonen in der Pflegeinstitution wichtige Informationen und Dokumente, etwa Befunde oder Spitalaustrittsberichte, konsultieren können. Zudem ist gerade für multimorbide und chronisch kranke Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeinstitutionen der schnelle und lückenfreie Informationsaustausch zur Medikation ein wichtiges Thema – das EPD kann hier ebenfalls Unterstützung bieten.

 

Wie funktioniert das elektronische Patientendossier (EPD)?

Das EPD ist ein sogenanntes «Sekundärsystem», während die hausinterne klinische Dokumentation (z.B. die Pflegedokumentation) als «Primärsystem» bezeichnet wird. Primär- und Sekundärsystem stellen zwei voneinander unabhängig funktionierende Systeme dar, die einander aber punktuell ergänzen.

Das Primärsystem, also z.B. die elektronische Pflegedokumentation, stellt die Basis für alle behandlungsrelevanten Entscheidungen dar und dokumentiert das interne pflegerische und medizinische Handeln. Dagegen enthält das EPD als Sekundärsystem nur die für Weiterbehandelnde potenziell wichtigsten Informationen. Das EPD ist also nicht deckungsgleich mit den Primärsystemen der Behandelnden, da nicht alle Informationen aus dem Primärsystem per se behandlungsrelevant sind. Vielmehr stellt das EPD einen Zusammenzug von behandlungsrelevanten Daten und Dokumenten aus verschiedenen Primärsystemen dar. Die in der Institution erstellten Originaldokumente bleiben jeweils in ihrem Primärsystem. Im EPD werden nur Kopien abgespeichert. Umgekehrt können aus dem EPD besonders wichtige Dokumente als Kopien im Primärsystem der Behandelnden gespeichert werden.

Der Zugriff auf die Dokumente im EPD durch die Gesundheitsfachpersonen kann auf zwei Arten erfolgen: Eine Anmeldung kann entweder online über eine Website für Gesundheitsfachpersonen (Zugangsportal) geschehen, oder die Software ihres Primärsystems stellt einen direkten Zugang zum EPD her.

Wie das EPD in den Pflegeinstitutionen eingesetzt wird und welche Vorteile die Arbeit mit diesem Patientendossier mit sich bringen kann, zeigt ein Erklärvideo (siehe rechts).

 

 Was sind Gemeinschaften und Stammgemeinschaften?

Das Bundesgesetz über das elektronische Patientendossier (EPDG) sieht die Bildung von sogenannten Gemeinschaften und Stammgemeinschaften vor (Art. 10 EPDG).

Eine Gemeinschaft ist ein Zusammenschluss von Gesundheitsfachpersonen und deren Einrichtungen. Sie müssen sicherstellen, dass die Daten über das elektronische Patientendossier (EPD) für Patientinnen und Patienten sowie Gesundheitsfachpersonen abrufbar sind und dass jeder Zugriff und jede Bearbeitung protokolliert wird.

Eine Stammgemeinschaft ist eine Gemeinschaft (s.o.), die zusätzliche Dienstleistungen für die Patientinnen und Patienten anbietet. So kann bei einer Stammgemeinschaft das EPD eröffnet und geschlossen werden und sie kümmert sich z.B. um die Aufbewahrung der schriftlichen Einverständniserklärung und die Verwaltung der Zugriffsrechte.

Die Gemeinschaften und die Stammgemeinschaften stellen die technische und organisatorische Umgebung für das Funktionieren des EPD bereit. Damit Datenschutz und -sicherheit, aber auch Interoperabilität zwischen den verschiedenen Gemeinschaften und Stammgemeinschaften gewährleistet werden können, legt das Ausführungsrecht zum EPDG die technischen und organisatorischen Voraussetzungen fest.

Während der Beitritt von ambulant tätigen Gesundheitsfachpersonen zu einer Gemeinschaft oder Stammgemeinschaft freiwillig ist, ist er für jene Institutionen verpflichtend, die stationär Leistungen zulasten der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP) abrechnen (vgl. Art. 25 EPDG und Art. 39 Abs. 1 Bst. f KVG). Für die Pflegeheime läuft die entsprechende Frist bis zum 15. April 2022.

 

Wo gibt es Gemeinschaften und Stammgemeinschaften?

Die Gemeinschaften und Stammgemeinschaften entstehen dezentral in den Schweizer Versorgungsregionen. Sie können kantonal, überkantonal oder national (z.B. als Branchengemeinschaft) organisiert sein. Grundsätzlich ist jede Institution frei in der Entscheidung, welcher Gemeinschaft oder Stammgemeinschaft sie sich anschliesst. Da die Versorgungsregionen sich jedoch in der Gestaltung der Prozesslandschaft unterscheiden können, macht es durchaus Sinn, dass eine Gemeinschaft oder Stammgemeinschaft gewählt wird, welche die eigene Versorgungsregion repräsentiert.

Aktuell befinden sich in der Schweiz mehrere Stammgemeinschaften und Gemeinschaften im Aufbau. Einen Überblick über Umsetzungsprojekte im Zusammenhang mit dem EPD gibt eHealth Suisse. Zudem bietet eHealth Suisse eine Liste mit Organisationen, die sich gemäss eigenen Angaben an Arbeiten rund um den Aufbau einer Gemeinschaft oder Stammgemeinschaft beteiligen.

Zudem gibt es in den Versorgungsregionen spezifische Ansprechpersonen. Auskunft kann Ihnen Ihre CURAVIVA-Geschäftsstelle erteilen.

 

Wer muss ein elektronisches Patientendossier (EPD) anbieten?

Spitäler, Geburtshäuser und Pflegegeheime werden durch das Bundesgesetz über das elektronische Patientendossier (EPDG) dazu verpflichtet, fristgerecht einer zertifizierten Gemeinschaft oder Stammgemeinschaft beizutreten und damit Daten über das EPD bereitzustellen. Diese Verpflichtung gilt dabei für Institutionen, die zulasten der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP) abrechnen und entsprechend als Spital bzw. Pflegeheim nach Art. 39 Abs. 1 bzw. Art. 49 Abs. 4 des Bundesgesetzes über die Krankenversicherung (KVG) zugelassen sind. Vom Gesetz betroffen können auch Institutionen oder Einrichtungen sein, die nur teilweise zulasten der OKP abrechnen. Für die ambulant tätigen Gesundheitseinrichtungen und Gesundheitsfachpersonen gibt es keine entsprechende Verpflichtung auf Bundesebene.

Kommen die Institutionen und Einrichtungen ihrer gesetzesmässigen Verpflichtung nicht innert drei (Spitäler) bzw. fünf Jahren (Geburtshäuser und Pflegeheime) nach, müssen sie vom Kanton von der Spital- bzw. Pflegeheimliste gestrichen werden.

Die Frage, wer ein EPD anbieten muss, kann im Einzelfall nicht ganz einfach zu beantworten sein und ist entsprechend zu prüfen. Im Rahmen des Faktenblatts «Wer muss ein elektronisches Patientendossier anbieten» (2017) diskutiert eHealth Suisse an den Fallbeispielen Palliativzentrum, Wohnheim für Erwachsene mit Behinderung und Zusammenschluss von stationären und ambulanten Leistungserbringern diese Frage.

 

Wer arbeitet in der Pflegeinstitution mit dem elektronischen Patientendossier (EPD)?

Art. 9 Abs. 1 des Bundesgesetzes über das elektronische Patientendossier (EPDG) sieht den Zugriff auf das EPD durch Gesundheitsfachpersonen vor. Eine Gesundheitsfachperson nach Art. 2 Bst. b EPDG ist sodann eine «(…) nach eidgenössischem oder kantonalem Recht anerkannte Fachperson, die im Gesundheitsbereich Behandlungen durchführt oder anordnet oder im Zusammenhang mit einer Behandlung Heilmittel oder andere Produkte abgibt».

Es bedarf also zunächst einer beruflichen Qualifikation, wobei die eidgenössischen oder kantonalen Berufsregister regeln, ob die erforderlichen Qualifikationen für eine Gesundheitsfachperson vorliegen. Im Detail gibt dazu das Faktenblatt «Wer kann auf das EPD zugreifen? Gesundheitsfachpersonen nach EPDG» von eHealth Suisse (2017) Auskunft.

Zudem muss die Gesundheitsfachperson in den aktuellen Behandlungskontext einer Patientin oder eines Patienten eingebunden sein. Die «Behandlung» selber definiert Art. 2 Bst. c des EPDG schliesslich folgendermassen: «(…) sämtliche Tätigkeiten einer Gesundheitsfachperson, die der Heilung oder Pflege einer Patientin oder eines Patienten oder der Vorbeugung, Früherkennung, Diagnostik oder Linderung einer Krankheit dienen».

Gerade in Institutionen, die keine stationären Leistungen zulasten der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP) erbringen, ist im Einzelfall zu prüfen, ob überhaupt ein Behandlungskontext gegeben ist. Im Detail gibt dazu das Faktenblatt «Wer kann auf das EPD zugreifen? Gesundheitsfachpersonen nach EPDG» von eHealth Suisse (2017) Auskunft.

Die Kontrolle bzw. Überprüfung, ob die erforderlichen beruflichen Qualifikationen und der Behandlungskontext gegeben sind, liegt in der Verantwortung der Gemeinschaften oder Stammgemeinschaften (vgl. Punkt 1.3.3 Bst. c Anhang 2 EPDV-EDI und Art. 9 Abs. 2 Bst. b EPDV).

Schliesslich können die Gesundheitsfachpersonen Hilfspersonen beauftragen, die Daten oder Dokumente im EPD zu bearbeiten. «Über die Hilfspersonentätigkeit können also auch Personen Zugriff auf das EPD haben, die nicht unter die Definition der «Gesundheitsfachperson» nach EPDG fallen (vgl. Faktenblatt «Wer kann auf das EPD zugreifen? Gesundheitsfachpersonen nach EPDG»), aber unter der Verantwortung einer solchen handeln. Beispielsweise können das Praxisassistentinnen sein, die im Auftrag einer Ärztin Dokumente im EPD ablegen oder aus dem EPD aufrufen» (eHealth Suisse, 2017, Faktenblatt «Der Einsatz von Hilfspersonen bei der Bearbeitung von Daten des EPD», S. 1). Die Patientinnen und Patienten sind jedoch auch über diesen Sachverhalt zu informieren (vgl. Punkt 6.1.5 Bst. e, Anhang 2 EPDV-EDI).

 

Welche Kosten sind mit dem elektronischen Patientendossier (EPD) verbunden und wer trägt diese?

Bei der Frage, welche Kosten mit dem elektronischen Patientendossier verbunden sind und wie sie finanziert werden, sind mehrere Ebenen von Relevanz:

Einerseits geht es um die Kosten und die Finanzierung des Aufbaus der Gemeinschaften und Stammgemeinschaften und der eHealth-Plattformen, andererseits um die Kosten und die Finanzierung ihres Betriebs.

Das Bundesgesetz über das elektronische Patientendossier (EPDG) sieht in Art. 20 Finanzhilfen für den Aufbau und die Zertifizierung der Gemeinschaften oder Stammgemeinschaften vor. Voraussetzung für die Gewährung der Finanzhilfen ist, dass sich die Kantone oder Dritte (z.B. die Trägerschaft) mindestens in gleicher Höhe wie der Bund beteiligen. Weitere Informationen zu den Finanzhilfen finden sich beim Bundesamt für Gesundheit.

Die Gemeinschaften oder Stammgemeinschaften regeln in ihrem jeweiligen Finanzierungsmodell, wie die (restlichen) Kosten für den Aufbau, die Zertifizierung und den Betrieb gedeckt werden. Dabei gibt es unterschiedliche Finanzierungsmodelle, wobei insbesondere an die (Mit-)Finanzierung durch die öffentliche Hand, Mitgliederbeiträge der Gemeinschaft oder Stammgemeinschaft und den Ausbau der eHealth-Plattform zu einem Gesundheitsportal, das den Patientinnen und Patienten sowie den Dienstleistern zusätzlich zu den EPD-Dienstleistungen weitere Dienste kostenpflichtig zur Verfügung stellt, zu denken ist (vgl. eHealth Suisse, 2016, Finanzierungsmodelle für (Stamm-)Gemeinschaften, S. 4f.).

Ein Beispiel für ein konkretes Finanzierungsmodell stellt jenes der Stammgemeinschaft Aargau dar:

Die Mitglieder der Stammgemeinschaft Aargau entrichten jährliche Beiträge. Diese Beiträge setzen sich aus einem für die verschiedenen Institutionstypen festgelegten Fixbeitrag und einer variablen Komponente, die sich anhand des bereinigten Betriebsaufwands nach H+ berechnet, zusammen. Entsprechende Berechnungsbeispiele für ein Akutspital und eine Pflegeinstitution finden sich auf der Website der Stammgemeinschaft Aargau.

Das Finanzierungsmodell der Stammgemeinschaft Aargau sieht vor, dass der jährliche Beitrag ein festes Standardpaket an Funktionen abdeckt. Im Rahmen anderer Finanzierungsmodelle wäre auch denkbar, dass eine Gemeinschaft oder Stammgemeinschaft ihren Mitgliedern unterschiedlich umfangreiche Leistungspakete zu unterschiedlichen Preisen anbietet.

Eine letzte Ebene, die es bei der Frage nach den Kosten und der Finanzierung dieser Kosten zu betrachten gilt, ist jene der Primärsysteme: Damit die hausinternen klinischen Dokumentationen direkt an die eHealth-Plattformen der Gemeinschaften oder Stammgemeinschaften angeschlossen werden können, sind entsprechende Softwareanpassungen vorzunehmen. Die Kosten für diese Entwicklungen werden von den Softwarekunden, also den Dienstleistern und Institutionen, zu tragen sein.

 

Welche Dienstleistungen gibt es seitens CURAVIVA Schweiz zum Thema eHealth?

  • CURAVIVA-Weiterbildung  zum Thema «Was geht mich das EPD an…?»
  • Für Fragen rund um eHealth und das EPD steht den CURAVIVA-Mitgliedern ein E-Mail-Beratungsdienst zur Verfügung (mehr Informationen)
  • Jährliche Umfrage bei der Bevölkerung und den Gesundheitsfachpersonen zum Stand der eHealth-Entwicklungen im Rahmen des eHealth-Barometers (mehr Informationen).
  • CURAVIVA Schweiz hat eine nationale Steuergruppe eingesetzt, welche die Projektentwicklung im Rahmen des Themas eHealth begleitet.


Weiterführende Informationen und Dokumente

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