Themendossiers

eHealth und seine Bedeutung für Alters- und Pflegeinstitutionen

Die elektronischen Gesundheitsdienste werden auch die Heimlandschaft stark tangieren. Bis 2022 müssen die Alters- und Pflegeheime einer Gemeinschaft zur Umsetzung von eHealth, namentlich des elektronischen Patientendossiers angeschlossen sein. Noch stellen sich viele Fragen nach der Praktikabilität und der Finanzierung dieser gesetzlich vorgegebenen Digitalisierung.

eHealth (elektronische Gesundheitsdienste) bezeichnet den integrierten Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien zur Gestaltung, Unterstützung und Vernetzung aller Prozesse und Personen im Gesundheitswesen: Unter anderem Patienten, Ärzte, Versicherungen, Labors, Röntgen, Apotheken, Spitäler, Spitex sowie Pflegende und Bewohner in Heimen. Die Ziele von eHealth, festgeschrieben in der 2007 durch den Bundesrat verabschiedeten nationalen Strategie, sind mehr Effizienz, Qualität, Sicherheit und Wirtschaftlichkeit durch eine bessere Koordination der Abläufe und Akteure. Zudem sind die neuen Technologien ein Wirtschaftsfaktor, indem neue Dienstleistungen entstehen. eHealth ist ein Gebot der Stunde: Das Gesundheitswesen hinkt der allgemeinen Digitalisierung hinterher, die alle unsere Lebensbereiche durchdringt, und die ungenügende Vernetzung von wichtigen Patienteninformationen ist eine wesentliche Ursache von Behandlungsfehlern.
>> Strategie eHealth Schweiz

Das Kernstück von eHealth ist das elektronische Patientendossier. Auf einer digitalen Plattform können die medizinischen Daten eines Patienten von den an der Behandlung beteiligten Gesundheitsfachpersonen abgerufen werden. Der Datenschutz geniesst oberste Priorität. Erstens ist das elektronische Patientendossier freiwillig und kann jederzeit eröffnet und wieder gelöscht werden. Zweitens sind die Informationen dezentral gespeichert und werden nur beim Abruf temporär zusammengengefügt. Drittens entscheidet der Patient über die Zugriffsrechte; zudem können verschiedene Vertraulichkeitsstufen definiert werden, sodass bestimmte Personen mehr oder weniger Daten einsehen dürfen. 2015 hat das Parlament das Bundesgesetz über das elektronische Patientendossier (EPDG) verabschiedet.

Der Bundesrat hat an seiner Sitzung vom 22. März 2017 die Verordnungen zum Bundesgesetz über das elektronische Patientendossier verabschiedet. Gesetz und Umsetzungsbestimmungen sind am 15. April 2017 in Kraft getreten. Bis 2022 müssen die Pflegeheime einer Stammgemeinschaft beitreten und mit dem elektronischen Patientendossier (EPD) arbeiten können.
>> Bundesgesetz über das elektronische Patientendossier

Das Freiwilligkeitsprinzip seitens Bewohner stellt die Alters- und Pflegeheime vor eine besondere Herausforderung: Wie können an Demenz erkrankte Personen ihre Einwilligung zur Eröffnung und Mutation eines elektronischen Patientendossiers geben? Daneben stellen sich Fragen aus dem Arbeitsalltag wie: Können aus Praktikabilitätsgründen Zugriffsrechte statt an einzelne Personen auch an ganze Pflegeteams vergeben werden, die aufgrund der Dienstplanung immer wieder neu zusammengesetzt werden? Zudem stellt sich auch für die Heimbranche die Frage nach dem Kosten-Nutzen-Verhältnis des elektronischen Patientendossiers. Der Nutzen ist potenziell hoch: Da die Pflegeheime sich oft am Ende des Behandlungspfades von Bewohnerinnen und Bewohnern befinden, profitieren sie im Besonderen von medizinischen Informationen, die andere Leistungserbringer bereits aufgenommen haben. Im vierten Lebensalter ist tendenziell mit vielen Änderungen in einem Dossier zu rechnen, was zum Beispiel Behandlungs- und Medikationspläne betrifft. Die Kosten werden voraussichtlich moderat sein: Zwar braucht es Investitionen in die IT-Infrastruktur, doch Computer und Internet-Anschlüsse sind heute in allen Heimen bereits vorhanden. Auch die Ausbildung des Verwaltungs- und Pflegepersonals im Umgang mit eHealth-Instrumenten dürfte mit einem bescheidenen Aufwand verbunden sein.
>> Erkenntnisse und Handlungsbedarf für eHealth von Curaviva Schweiz

Da der Bund im Gesundheitswesen nur über wenige Kompetenzen verfügt, liegt die Umsetzung des EPDG bei den Kantonen respektive bei Versorgungsregionen. Um die sogenannte Interoperabilität, also die Austauschbarkeit der Daten, zu gewährleisten, ist neben dem Rahmengesetz mit eHealth Suisse ein Koordinationsorgan Bund-Kantone geschaffen worden. eHealth erarbeitet laufend technische und organisatorische Leitplanken. Zum Beispiel müssen für die Austauschbarkeit technische und semantische Standards definiert werden, denn wenn Software-Anwendungen miteinander Daten austauschen, muss das empfangende System auch inhaltlich verstehen, was der Absender geschickt hat. Für die Zeit vor Inkrafttreten des EPDG hat eHealth Suisse eine Checkliste mit Mustereinwilligung zum elektronischen Patientendossier entwickelt, um mit dieser Vorlage möglichst einheitliche Einwilligungsformulare zu erwirken. In der beratenden Projektleitung von eHealth Suisse, in der die verschiedenen Interessen der Akteure im Gesundheitswesen vertreten sind, sitzt auch CURAVIVA Schweiz.
>> eHealth Suisse – Kompetenz- und Koordinationsstelle von Bund und Kantonen

Zudem hat der Dachverband eine nationale Steuergruppe eHealth Deutschschweiz-Tessin-Westschweiz ins Leben gerufen, in der die Kantonalverbände einerseits ihre Anliegen einbringen können und andererseits Informationen einholen, die sie in ihre Regionen heraustragen.

Die konkrete Umsetzung des elektronischen Patientendossiers erfolgt über sogenannte Gemeinschaften und Stammgemeinschaften. Dies sind Zusammenschlüsse von verschiedenen Gesundheitsfachpersonen und deren Einrichtungen in einem Versorgungsgebiet, die sich zertifizieren lassen müssen. Die Mitglieder einer Gemeinschaft sind an der Behandlung von Patienten sowie der Erstellung und Verwendung von patientenbezogenen Daten beteiligt. Als organisatorische Einheit tauschen sie diese Daten zudem mit anderen Gemeinschaften aus. Stammgemeinschaften haben zusätzliche Aufgaben: Sie eröffnen Dossiers für Patienten und machen sie ihnen zugänglich, und sie verwalten deren Einwilligungen, Zugriffsberechtigungen sowie Widerrufserklärungen. Wie sich (Stamm-)Gemeinschaften organisatorisch und finanziell aufstellen könnten, hat eHealth Suisse von der Beratungsgesellschaft KPMG untersuchen lassen. Dies hängt nicht zuletzt von den rechtlichen Möglichkeiten in den verschiedenen Kantonen ab.
>> Mögliche Organisations- und Finanzierungsmodelle von Gemeinschaften und Stammgemeinschaften

Die dezentralen Umsetzungsprojekte sind, durchaus gewollt, unterschiedlich weit fortgeschritten. Eine flächendeckende und gleichzeitige Einführung des elektronischen Patientendossiers ist nicht erwünscht, sodass aus den ersten Projekten Schlüsse für die weitere Verbesserung des Systems gezogen werden können. Das kantonale Engagement ist unterschiedlich und reicht von der Rolle des «Ermöglichers» bis zum «starken Partner». Insbesondere in der Westschweiz wurde das Thema früh aufgenommen und erkannt, dass die digitale Vernetzung eine wichtige öffentliche Aufgabe ist, um die Versorgungsqualität und die Patientensicherheit zu verbessern.
>> Kantonale Aktivitäten

Beispiel 1: Patienten-Beitrittserklärung zu MonDossierMedical.ch (GE)
Im Kanton Genf existiert bereits ein elektronisches Gesundheitsportal namens MonDossierMedical.ch. Auf dem entsprechenden Formular für die Patienten-Beitrittserklärung sind die Grundsätze und grundlegenden Rechte des Benutzers inkl. Datenschutzbestimmungen aufgeführt; zudem kann differenziert ausgewählt werden, wem der Zugriff auf das Dossier gewährt werden soll.

Eine einführende schriftliche Erklärung unterbreitet ein Pflegeheim der Association des EMS de Lancy seinen Bewohnerinnen und Bewohnern. Hier heisst es (übersetzt): Der Heimbewohner, der im Pflegeheim Les Mouilles wohnhaft ist, erteilt seine Zustimmung zur Mitgliedschaft im elektronischen Gesundheitsnetz «MonDossierMedical.ch», das in das Genfer Gesundheitssystem integriert ist. MonDossierMedical.ch ermöglicht den Zugriff auf seine medizinischen Daten durch den Heimbewohner selbst sowie durch die dazu ermächtigten Leistungserbringer. Zu diesem Zweck unterzeichnet der Heimbewohner das beiliegende Formular.
>> Formular Patienten-Beitrittserklärung zu MonDossierMedical.ch

Beispiel 2: Trägerverein und Stammgemeinschaft eHealth Aargau
Der Kanton Aargau gehört ebenfalls zu den Pionieren in Sachen eHealth als eigenständige Strategie in der Gesundheitspolitischen Gesamtplanung. 2011 genehmigte die Regierung ein Vierjahresprogramm inkl. Verpflichtungskredit, 2014 wurde der Verein eHealth Aargau als breit abgestützte Trägerschaft gegründet. 2015 folgte die Stammgemeinschaft eHealth Aargau, nachdem das Kantonsparlament einen Beitrag an deren Aufbau und Betrieb gesprochen hatte. Das Programm eHealth Aargau gewann Ende November 2015 den Innovationswettbewerb Excellence Publique der Schweizerischen Gesellschaft für Verwaltungswissenschaften in der Kategorie «Kooperationen und Fusionen».
In der Aufbauphase des Trägervereins und der Stammgemeinschaft laufen die Fäden bei Präsident Andre Rotzetter zusammen. Er führt zwei Alters- und Pflegeheime und betreut für CURAVIVA Schweiz die eHealth-Hotline für Heimleiterinnen und -leiter. Sein Hauptaugenmerk liegt darauf, für die Leistungserbringer effiziente Strukturen zu schaffen und ihnen den langfristigen Nutzen des elektronischen Patientendossiers aufzeigen zu können. In einem Gespräch berichtet er von seinen bisherigen Erfahrungen.
>> Interview mit Andre Rotzetter, Präsident der Trägerschaft und Stammgemeinschaft eHealth Aargau

Beispiel 3: ReTisan, ein Beispiel aus dem Tessin
Das Projekt reTIsan (TI) vernetzt die Dienstleister der Onkologie untereinander
Der Kanton Tessin gehört zu den am weitesten fortgeschrittenen Kantonen, was die Implementierung der Nationalen Strategie im Bereich eHealth betrifft; 2014 lancierte dort das Amt des Kantonsarztes die Pilotphase des Projekts reTIsan. Es handelt sich um eine elektronische Plattform, dank welcher der Patient seine medizinischen Daten den Gesundheitsfachpersonen seiner Wahl zugänglich machen kann. Dem System sind die wichtigsten Akteure der Tessiner Onkologie angeschlossen.
Während der Pilotphase wurde reTIsan als mit der Strategie eHealth Schweiz konform bewertet ("überregionales" Konformitätszeichen) und es wurden einige für die Entwicklung einer definitiven Lösung unerlässliche Erfolgsfaktoren identifiziert. In der jetzigen Übergangsphase werden die zukünftigen Entwicklungen definiert, welche die Einführung neuer Dienstleistungen mit Mehrwert und ein langfristiges Finanzierungsmodell vorsehen. Die Tessiner Altersheime sind dem System noch nicht angeschlossen, da sie vom spezifischen Bereich der Onkologie nicht besonders betroffen sind. Deren Einbindung ist auf jeden Fall in den nächsten Expansionsphasen von reTisan vorgesehen und sie sind auch zusammen mit den wichtigsten Stakeholdern des Tessiner Gesundheitswesens dem neuen diesbezüglichen kantonalen Verein beigetreten. Dank der Gründung einer einzigen Referenzgemeinschaft kommt zukünftig dem Verein die Rolle des Trägers bei der Verbreitung des elektronischen Patientendossiers gemäss EPDG zu.

Die weiter oben erwähnte KPMG-Studie schätzt die Kosten für den Aufbau einer Gemeinschaft auf durchschnittlich 3,075 Mio. Fr. und den jährlichen Betrieb auf durchschnittlich 2,495 Mio. Fr., dies unter Berufung auf die Botschaft zum Entwurf des EPDG. Es werden vier Finanzierungsquellen genannt:

  1. In der Aufbauphase sollten Kantone und Bund einen wesentlichen Beitrag an die Kosten leisten, weil sich der Nutzen erst zu einem späteren Zeitpunkt einstellen wird. Für den Aufbau und die Zertifizierung von (Stamm-)Gemeinschaften sind Subventionen vorgesehen, sofern sich die Kantone oder Dritte in gleicher Höhe daran beteiligen. Der Bund gewährt während drei Jahren Finanzierungshilfen in der Höhe von maximal 30 Mio. Fr.
     
  2. Die Betriebskosten werden hauptsächlich von den Mitgliedern einer Gemeinschaft getragen, wobei die grössten Beiträge auf die (stationären) Leistungserbringer fallen, die sich dem System anschliessen müssen.
     
  3. Eine langfristige Finanzierungsquelle ist der Aufbau eines Online-Gesundheitsportals, das als Einstiegsseite für das Zugangsportal des ePatientendossiers dient. Auf diesem klar vom Zugangsportal abgegrenzten Gesundheitsportal können mit Dienstleistungen Erlöse generiert werden. Die Möglichkeiten reichen von Online-Werbung und -Shopping für Unternehmen aus der Gesundheits- und Lifestyle-Branche über die Kontaktvermittlung von freiwilligen Patienten als Probanden für die klinische Forschung bis zu kostenpflichtigen Dienstleistungen für Patienten (z.B. Eingabe und Auswertung von Gesundheitsdaten) und Gesundheitsfachpersonen (z.B. Bewertungsportal für Arztpraxis).
     
  4. Ein Kooperationspartner der Trägerschaft/Gemeinschaft tritt als Sponsor auf (z.B. Krankenversicherungen, Pharmaunternehmen) und positioniert sich so als innovativ und engagiert.

KPMG sieht eine dynamische Finanzierungsplanung vor: Das Ziel ist eine Verlagerung von einer öffentlichen zu einer privaten, nachhaltigen Finanzierung. Infolgedessen sollten die Betriebskosten mittel- bis langfristig von jenen Akteuren finanziert werden, welche den betriebswirtschaftlichen Nutzen durch das elektronische Patientendossier davontragen.

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