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Themendossiers

Demenz

Mit zunehmenden Alter steigt das Risiko, an einer Form von Demenz zu erkranken. Damit verbunden stellen sich für die Schweizer Gesellschaft insgesamt und für die Institutionen der stationären Langzeitpflege im Besonderen neue Herausforderungen.

Die Schweizerische Alzheimervereinigung («Zahlen und Fakten zu Demenz») schätzt, dass aktuell neun Prozent der über 65-Jährigen von einer Demenzerkrankung betroffen sind. Diese Zahl steigt bei den über 90-Jährigen auf mehr als 40 Prozent. Umstritten ist jedoch, welche Prognosen sich für die Zukunft machen lassen: Dem Szenario einer künftigen explosionsartigen Zunahme der Prävalenzzahlen stehen neuere Studien kritisch gegenüber, welche die Bedeutung einer Reihe von Faktoren auf die Gesundheit des Gehirns betonten – so etwa neue Behandlungsmöglichkeiten von Herz-Kreislauf-Erkrankungen (vgl. im Detail Kirschner, 2017). Unbestritten ist jedoch in jedem Fall: Die Betreuung von Menschen mit einer Demenzerkrankung wird auch in Zukunft eine Herausforderung bleiben. CURAVIVA Schweiz leistet durch fachlichen Austausch, Weiterbildungs- und Informationsangebote, aber auch durch Erfahrungsberichte im Sinne von «best practice» Unterstützung für Fachpersonen.

Quellen
Schweizerische Alzheimervereinigung. Zahlen und Fakten zur Demenz. Besucht am 29.1.2018.
Kirschner, M. (2017). Neue Untersuchungen rechnen mit abnehmenden Krankheitszahlen. In CURAVIVA Fachzeitschrift, 6, S. 11. Besucht am 29.1.2018.


Inhalt

Hohe Anforderungen an die Pflege daheim und im Pflegeheim
Besonders herausfordernde Themen
Nationale Demenzstrategie 2014–2019
Demenzbox – Wissenspool für Fachkräfte und Interessierte

Hohe Anforderungen an die Pflege daheim und im Pflegeheim

Die meisten demenzkranken Menschen werden im Anfangsstadium der Krankheit innerhalb der Familie und ihrer sozialen Umgebung betreut. Eine von der Schweizerischen Alzheimervereinigung beauftragte und von Ecoplan durchgeführte Studie (vgl. Ecoplan, 2007, S. 36 sowie Schweizerische Alzheimervereinigung, 2010a, S. 1) zeigt auf, dass von Angehörigen und Bekannten gesamthaft Leistungen für die informelle Pflege und Betreuung in der Grössenordnung von jährlich 2,8 Milliarden Franken geleistet werden.

Der Verlauf der Demenzkrankheit ist fortschreitend. Gerade in der mittleren und letzten Phase des Krankheitsverlaufs werden die Anforderungen an die Pflege und Betreuung schliesslich so hoch, dass die von einer Demenzerkrankung Betroffenen oftmals auf professionelle Pflege und Betreuung durch ein Pflegeheim angewiesen sind. Ob und wann ein Heimeintritt angezeigt ist, hängt vor der individuellen Situation ab. Die Schweizerische Alzheimervereinigung (vgl. 2010b) empfiehlt ihn, wenn die Betreuung zu Hause nicht mehr möglich ist, weil sie zum Beispiel rund um die Uhr erbracht werden müsste, oder wenn die betreute Person sich selbst oder andere gefährdet. In der Broschüre «Den Heimeintritt ins Auge fassen» werden weitere Kriterien aufgeführt.

Entsprechend hoch ist der Anteil von Menschen mit einer Demenzerkrankung in den Pflegeheimen. Eine im Auftrag der Schweizerischen Alzheimervereinigung durchgeführte Studie (2014) kommt zum Schluss, dass bei gut 64 Prozent der Heimbewohnerinnen und
-bewohner eine Demenzdiagnose oder ein Demenzverdacht vorliegt.

Quellen
Ecoplan (2007). Kosten der Demenz in der Schweiz. Schlussbericht im Auftrag der Schweizerischen Alzheimervereinigung. Bern. Besucht am 25.1.2018.
Schweizerische Alzheimervereinigung (2014). Menschen mit Demenz in Schweizer Pflegeheimen: Vielfältige Herausforderungen. Yverdon-les-Bains. Besucht am 25.1.2018.
Schweizerische Alzheimervereinigung (2010a). Aktuelle Kosten der Demenz: 6,3 Milliarden pro Jahr. Die Schweiz braucht eine Strategie. Yverdon-les-Bains. Besucht am 29.1.2018.
Schweizerische Alzheimervereinigung (2010b). Den Heimeintritt ins Auge fassen. Yverdon-les-Bains. Besucht am 25.1.2018.

Weiterführende Informationen
Bundesamt für Gesundheit – BAG. Nationale Strategie zur Prävention nichtübertragbarer Krankheiten. Besucht am 29.1.2018.
Bundesamt für Gesundheit – BAG (2014). Nationale Präventionsprogramme. Studie präsentiert erstmalige Berechnungen der direkten und indirekten Kosten der wichtigsten nichtübertragbaren Krankheiten. In Bulletin, 36, S. 583–586. Besucht am 29.1.2018.

Besonders herausfordernde Themen

Für die Pflege und Betreuung demenzkranker Menschen stellen sich einige besondere Herausforderungen. Dazu gehören:
 

Sturzgefährdung: Da demenzkranke Menschen zunehmend auch die Kontrolle über ihre Körperfunktionen verlieren, sind sie je nach ihrer Krankheitsphase besonders sturzgefährdet. Mit verschiedenen Massnahmen werden sie in der Pflege vor dieser Gefahr beschützt. Diese Massnahmen sind gleichzeitig mehr oder weniger einschneidend und freiheitseinschränkend. In Zusammenarbeit mit der Evangelischen Hochschule Freiburg im Breisgau startete der Fachbereich Menschen im Alter von CURAVIVA Schweiz das Projekt ReduFix. Durch gezielte Inhouse-Schulungen lernten Pflegende geeignete Schutzmassnahmen kennen und übten Verfahren ein, die ihnen erlauben, in unvermeidbaren Dilemma-Situationen professionell handeln zu können. Das wissenschaftlich begleitete Projekt, an dem sich gut 30 Institutionen beteiligten, wurde am 31. Oktober 2012 offiziell abgeschlossen. Das Angebot von Schulungen zum Thema wird aber aufrecht erhalten.

Link
ReduFix (2017). Projekt und Schulungsmaßnahme zur Reduktion freiheitsentziehender Maßnahmen in der Altenpflege. Besucht am 8.2.2018.
 

Weglaufgefährdung: Besonders im Stadium der mittleren Demenz haben demenzkranke Menschen oft einen starken Bewegungsdrang. Da sie gleichzeitig in ihrer zeitlichen und örtlichen Orientierung eingeschränkt sind, verlassen sie oft alleine ihre gewohnte Umgebung. Zu ihrem Schutz haben sich zwei Massnahmen bewährt:

  • Geschlossene Demenzabteilungen: Viele Institutionen haben durch räumliche und optische Massnahmen spezifische Wohnumgebungen geschaffen, die bei den demenzkranken Menschen das Gefühl des «Eingeschlossen-Seins» erheblich reduzieren.
    (Siehe dazu auch unten «Integrierte oder spezialisierte Wohnform?»)
     
  • Elektronische «Begleiter»: Die demenzkranken und weglaufgefährdeten Menschen werden individuell mit einem GPS-Sender ausgestattet, über den sich ihr Aufenthaltsort sowie ihre momentane körperliche Befindlichkeit identifizieren lassen.
     

Demenz und Migration: Für Menschen mit Migrationshintergrund stellen sich bei einer Demenzerkrankung zusätzliche Herausforderungen. So können Sprachbarrieren und das Fehlen von Kenntnissen des schweizerischen Gesundheitssystems und der verschiedenen Beratungs- und Unterstützungsangebote den Zugang zu Informationen und Unterstützung erschweren. Und auch die Fachpersonen werden bei der Pflege, Betreuung und Begleitung im Kontext von Migration in besonderem Mass gefordert, um die Anliegen und Bedürfnisse der Demenzbetroffenen adäquat erkennen und darauf eingehen zu können.

Das Schweizerische Rote Kreuz bietet auf der Internetplattform migesplus.ch Gesundheitsinformationen in mehreren Sprachen für Menschen mit Migrationshintergrund an. Aber auch Fachpersonen aus dem Gesundheits-, Sozial- und Bildungsbereich finden auf der Plattform Informationen und themenspezifische Publikationen, die sie bei der täglichen Arbeit unterstützen. Besonders zu erwähnen ist die Publikation «Doppelt fremd – Demenzerkrankung in der Migration» – eine Broschüre für Fachpersonen in Institutionen der ambulanten und stationären Gesundheitsversorgung und in der Sozialen Arbeit.

Links
migesplus.ch – Portal für gesundheitliche Chancengleichheit. Besucht am 29.1.2018.
Schweizerisches Rotes Kreuz (Hg.). (2013). Doppelt fremd. Demenzerkrankung in der Migration am Beispiel von Italienerinnen und Italienern. Broschüre für Fachpersonen in Institutionen der ambulanten und stationären Gesundheitsversorgung und in der Sozialen Arbeit zur Unterstützung von Betroffenen und Angehörigen. Besucht am 29.1.2018.
 

Ethische Fragestellungen: Bei der Begleitung, Betreuung und Pflege von Menschen mit Demenz stellen sich auf unterschiedlichen Ebenen ethisch relevante Fragen, und es müssen anspruchsvolle Entscheidungen getroffen werden. Nicht selten treten dabei ethische Konflikte auf.

Im Rahmen der Nationalen Demenzstrategie 2014–2019 hat die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) in Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Gesellschaft für Gerontologie (SGG) die medizinisch-ethischen Richtlinien «Betreuung und Behandlung von Menschen mit Demenz» (2017) erarbeitet.

Die Richtlinien sollen eine praktische Orientierungshilfe in ethischen Konfliktsituationen bieten, wobei auch Themen behandelt werden, die über den medizinischen Rahmen hinausgehen. In diesem Sinne richten sie sich zwar an Gesundheitsfachpersonen, können aber durchaus auch als Leitlinien für nicht medizinische Berufe beigezogen werden.

Link
Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften – SAMW (Hg.). (2017). Medizinisch-ethische Richtlinien: Betreuung und Behandlung von Menschen mit Demenz.

Weiterführende Informationen
Rüegger, H. (2013). Würde und Autonomie im Alter. Ethische Herausforderungen in der Pflege und Betreuung alter Menschen. Herausgegeben von CURAVIVA Schweiz. Bern
Fédération genevoise des établissements médico-sociaux (éd). (2012). Respect des volontés du résidant atteint de troubles cognitifs. Recommandations du Conseil d’éthique. Genève. Consulté le 6.2.2018. Besucht am 6.2.2018. (Nur in Französisch)
 

Integrierte oder spezialisierte Wohnform? Im Rahmen der «Demenzpflege-Evaluation» (vgl. Oppikofer et al., 2009) wurde die praktische Wirksamkeit des separativen Demenzpflegekonzepts (spezialisierte Wohnform) untersucht. Die Ergebnisse zeigen einen Vorteil von Institutionen mit spezialisierten Demenzabteilungen bezüglich der Lebensqualität der Bewohnenden und der Arbeitszufriedenheit des Personals. Die Bewohnenden sind dort selbständiger, erhalten weniger freiheitseinschränkende Massnahmen und haben weniger Schmerzen. Pflegemitarbeitende spezialisierter Abteilungen fühlen sich durch die Patienten und Arbeitsbedingungen weniger beansprucht, finden mehr Gefallen an ihrer Arbeit und sind generell mit ihren Arbeitsbedingungen zufriedener als Pflegende im integrativen Ansatz. Spezialisierte Wohnformen eignen sich besonders für Patientinnen und Patienten mit einer mittleren Demenz und für Demenzerkrankungen mit schweren psychischen Begleitsymptomen.

Quelle
Oppikofer, S., Lienhard, A., Nussbauer, R. (2009). Demenzpflege-Evaluation. Bewohnerinnen und Bewohner mit Demenz im Pflegeheim. Darstellung und Vergleich spezialisierter versus integrierter Betreuungsformen (2. Aufl.). Zürich: Universität Zürich – Zentrum für Gerontologie. Besucht am 29.1.2018.

Weiterführende Informationen
Fédération genevoise des établissements médico-sociaux (éd). (2012). Respect des volontés du résidant atteint de troubles cognitifs. Recommandations du Conseil d’éthique. Genève. Consulté le 6.2.2018. Besucht am 6.2.2018. (Nur in Französisch)
Tilia Stiftung für Lagzeitpflege (o.J.). Konzept geschützter Wohnbereich. (Praxisbeispiel eines Beratungs- und Pflegekonzepts)

Nationale Demenzstrategie 2014–2019

Bund und Kantone haben im November 2013 im Rahmen des «Dialogs Nationale Gesundheitspolitik» die «Nationale Demenzstrategie 2014–2017» verabschiedet. Die Umsetzung der Strategie durch Bund, Kantone und weitere Akteure begann im Frühjahr 2014. Nach einer Standortbestimmung in der Halbzeit der Umsetzung beschlossen Bund und Kantone die Verlängerung der Strategie bis 2019.

CURAVIVA Schweiz hat sich intensiv an der Erarbeitung von Grundlagenmaterialien zum Handlungsbedarf sowohl für Menschen im Alter wie für Menschen mit einer Behinderung beteiligt. Dazu dienten u.a. die Resultate einer Online-Befragung durch die Firma «QUALIS Evaluation» zum gegenwärtigen Stand der stationären Demenzbetreuung und dem aktuellen Handlungsbedarf.

Darüber hinaus haben die Fachbereiche Menschen im Alter und Erwachsene Menschen mit Behinderung von CURAVIVA Schweiz zusammen mit INSOS Schweiz im Rahmen der Nationalen Strategie Demenz die Umsetzung der Ziele des Projekts 3.5 «Förderung der demenzgerechten Versorgung in der stationären Langzeitpflege und -betreuung» übernommen. Das Resultat dieser Zusammenarbeit im Rahmen der nationalen Demenzstrategie 2014–2019 ist ein Onlineinformationsangebot für Fachpersonen und Interessierte (siehe zur Demenzbox unten).

Link und weiterführende Informationen
Bundesamt für Gesundheit: Nationale Demenzstrategie 2014–2017. Besucht am 5.2.2018.
Saldutto, B., Becker, S., Imhof, A. (2013). Demenzbetreuung in stationären Alterseinrichtungen. Auswertungsbericht der nationalen Umfrage im Auftrag des Fachbereichs Alter. Projektpartner: CURAVIVA Schweiz und Schweizerische Alzheimervereinigung. Zürich.
Blaser, R., Wittwer, D., Becker, S. (2013). Bericht zur vertiefenden Analyse der online Befragung «Stationäre Demenzbetreuung». Im Auftrag des Fachbereichs Alter von CURAVIVA Schweiz. Bern.

Demenzbox – Wissenspool für Fachkräfte und Interessierte

Die Fachbereiche Menschen im Alter und Erwachsene Menschen mit Behinderung von CURAVIVA Schweiz haben zusammen mit INSOS Schweiz ein neues Informationsangebot entwickelt: In der Demenzbox finden Fachpersonen und andere Interessierte grundlegende Informationen zur Demenzerkrankung, zu bedarfs- und bedürfnisgerechten Infrastrukturen sowie zu Alltagsgestaltungs- und Aktivierungsprozessen. Sie bietet spezifische Erkenntnisse zur Begleitung, Unterstützung und Pflege im Alltag, therapeutische Ansätze sowie Wohnmodelle. Neue Entwicklungen in der Demenzbegleitung, -betreuung und -pflege werden fortlaufend aufgenommen. Überdies werden innovative Ideen und Vorschläge aus der Praxis entgegengenommen und als «Beispiele aus der Praxis» aufgeführt.

Die Demenzbox verzichtet bewusst darauf, in einer konkreten Situation die vermeintlich «richtigen» Interventionen vorzuschlagen. Vielmehr unterstützt sie Fachleute und Interessierte, sich in diesem komplexen Feld zu orientieren und gezielt über bestimmte Themen zu informieren. Die Inhalte der Demenzbox richten sich in erster Linie an Mitarbeitende in der stationären Langzeitpflege und Institutionen für Menschen mit Behinderung. Sie sprechen ein breites Fachpublikum an, sowohl mit sozialem und pflegerischem wie auch sozialpädagogischem Hintergrund.

Die Demenzbox wurde im Rahmen der Nationalen Demenzstrategie 2014–2019 erarbeitet und setzt das Ziel «Förderung der demenzgerechten Versorgung in der stationären Langzeitpflege und -betreuung» um. Finanziell unterstütz wurde das Projekt durch das Bundesamt für Sozialversicherung und das Bundesamt für Gesundheit.

Link
www.curaviva.ch/demenzbox

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