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Rollen

In einem Mobbingprozess nimmt jede Person eine gewisse Rolle ein, unabhängig, davon, ob sie aktiv mitwirkt oder passiv zum Geschehen beiträgt.

Die einzelnen Rollen sind nicht fest an eine Person gebunden. Je nach Situation, Gruppenkonstellation und Kontext kann eine Person ihre Rolle wechseln. Gerade zu Beginn eines drohenden Mobbingprozesses sind die Rollen zwischen den beteiligten Personen meist noch nicht festgeschrieben und wechseln. Eine Person kann im gleichen Konflikt oder einem anderen von einer aussenstehenden zu einer unterstützenden oder angreifenden Rolle wechseln. Eine Rolle ist nicht vom Geschlecht abhängig. Die beiden Begriffe «Täter» und «Opfer» sind stark stigmatisiert und mit vielen Attributen versehen. Auch wenn die Begriffe umstritten sind, eignen sie sich, um die Dynamik des Cybermobbing und Mobbings nachvollziehbar zu erläutern.

Auch Professionelle der sozialen Arbeit, Betreuende und Erziehungsberechtigte können beim Mobbing unter Jugendlichen einzelne Rollen besetzen. Dies ist allerdings aufgrund der Generationengrenze eher die Ausnahme und passiert in der Regel unbewusst. Am häufigsten ist die Rolle der Zeugen oder potenziell Verteidigenden zu beobachten. Aufgrund von mangelndem Wissen werden Anzeichen eines Mobbings übersehen, falsch gedeutet oder es wird nicht rechtzeitig interveniert. Die Rolle der Assistierenden wird vor allem dann unbewusst eingenommen, wenn man den Geltungsdrang einer potenziell mobbenden Person durch Bestärkungen unterstützt oder offensichtliche Angriffe auf Betroffene bagatellisiert.

Von Mobbing Betroffene

Werden in der Literatur auch als Opfer bezeichnet.

Mobbing findet immer in einem sozialen System statt. Innerhalb dieses Systems müssen drei Eigenschaften erfüllt sein, damit jemand als eine von Mobbing betroffene Person in Frage kommt:

  1. Die Person verfügt über ein Merkmal oder einen Aufhänger, welches/welcher es zulässt, dass sie damit benachteiligt werden kann. Dabei gibt es keine Merkmale, die automatisch eine Rollenzuteilung zur von Mobbing betroffenen Person erlauben. Auch scheinbar Unauffälliges oder «Normales» wie Kleidung oder Körperbau kann als Aufhänger für Mobbing dienen.
  2. Die betroffene Person kann sich nicht oder nur ineffektiv wehren. Psychisch instabilen, sozial unsicheren oder ängstlichen Menschen fehlen die personalen Fähigkeiten, um sich effektiv zu wehren. Es kann aber auch vermeintlich starke Jugendliche treffen. Es gibt jemanden, der sich noch stärker positioniert, oder gezielt eine Angriffsfläche findet.
  3. Es besteht ein Machtungleichgewicht innerhalb der Gruppe. Dazu gehört auch, dass die von Mobbing Betroffenen wenig Unterstützung erhalten innerhalb des sozialen Systems.

Achtung: Jeder und jede kann von Cybermobbing und Mobbing betroffen werden. Die betroffenen Personen tragen keine Schuld daran, dass sie gemobbt werden.

Mobbingakteure

Werden in der Literatur auch als Täter und Täterinnen bezeichnet.

Mobbingakteure in einem Mobbingprozess sind Menschen, die Cybermobbing oder Mobbing betreiben. Im ersten Moment sind diese Personen für die Entwicklung des Prozesses verantwortlich. Es gibt viele typische Eigenschaften und Ausprägungen von Mobbingakteuren.

Allen Menschen gemeinsam ist – wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung – das Bedürfnis nach Geltung, Status und Macht. Dieses Bedürfnis ist legitim. Entscheidend ist jedoch, welche Strategie zu seiner Befriedigung eingesetzt wird. Kinder und Jugendliche mit einem besonders hohen Geltungsbedürfnis machen häufig sehr früh die Erfahrung, dass sie mit Gewaltausübung, Erniedrigung anderer und auf diese Personen ausgerichtete Manipulation der Gruppe dieses Bedürfnis befriedigen können. Nicht selten spielen Eltern dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle, wenn sie ein überhöhtes Geltungsbedürfnis ihrer Kinder fördern, um ihr eigenes Bedürfnis nach Dominanz und einem hohen sozialen Status zu befriedigen.

Lange Zeit dachte man, dass es Mobbingakteuren an Selbstwertgefühl mangelt. In der Regel ist jedoch das Gegenteil der Fall. Zudem verfügen Mobbingakteure über eine ausgeprägte soziale Intelligenz, um über Monate hinweg ein System aufzubauen, an dem sich letztlich ein ganzes soziales System beteiligt.

Assistierende

Werden in der Literatur auch als Unterstützende bezeichnet.

Diese Rolle nehmen Menschen innerhalb des sozialen Systems ein, welche die Mobbingakteure aktiv unterstützen. Sie verstärken zum Beispiel Scherze der Mobbingakteure, lotsen von Mobbing Betroffene in angreifbarere Positionen oder leiten zum Teil selbst Cybermobbing- oder Mobbinghandlungen ein. Diese Menschen machen mit, um zu einer starken Gruppe zu gehören und so die Gemeinschaft und die eigene Macht zu spüren. Wer zu dieser Gruppe gehört, verringert gleichzeitig die Wahrscheinlichkeit, selbst eine von Mobbing betroffene Person zu werden.

Verstärkende

Werden in der Literatur auch als Zuschauende bezeichnet.

Diese Rolle nehmen Menschen innerhalb des sozialen Systems ein, welche sich um die Mobbingakteure und die Assistierenden scharen. Diese Gruppe nimmt selbst nicht aktiv am Geschehen teil, sondern bildet ein interessiertes Publikum. Zum Beispiel, in dem die Gruppe lacht oder im digitalen Raum Inhalte kommentiert, ohne dabei eine treibende Kraft zu sein. Dies wiederum fördert die Aktivitäten von Mobbingakteuren und Assistierenden.

Zeugen und potenziell Verteidigende

Werden in der Literatur auch als Unbeteiligte oder Aussenstehende bezeichnet.

Der Gruppe der Zeugen gehören Menschen an, welche sich der Situation entziehen möchten. Sie sind gezwungenermassen Teil des sozialen Systems und können sich nicht gänzlich entziehen. Sie bleiben passiv und versuchen, soweit möglich, auszuweichen.

In der Gruppe der potenziell Verteidigenden finden sich Menschen, welche sich verpflichtet fühlen, Cybermobbing und Mobbing abzulehnen. Sie haben ein schlechtes Gewissen und Bedauern die Situation der von Mobbing betroffenen Person. Einzelne aus dieser Gruppe helfen dem von Mobbing Betroffene direkt oder indirekt. Andere unterlassen die Hilfe, obwohl sie das Potential hätten, den Betroffenen zu helfen. Die Verteidigerinnen und Verteidiger können eine Angst entwickeln, selbst zu Betroffenen von Cybermobbing oder Mobbing zu werden. Zu Beginn eines Mobbingprozesses befinden sich mehr Personen in dieser Gruppe als im fortgeschrittenen Stadium. Mit Fortschreiten des Mobbingprozesses werden diese Personen häufig zu unbeteiligten Zeugen.

Betreuende / Lehrpersonen / Erziehungsberechtigte

Die Gruppe der Erwachsenen ist beim Cybermobbing unter Kindern und Jugendlichen nicht direkt beteiligt. Sie befindet sich aufgrund ihres Alters in einer Aussenposition. Sie erfährt meist erst vom Konflikt, wenn er schon fortgeschritten ist. Sie wird entweder von einem Teil der Beteiligten beigezogen, weil die Situation eskaliert, oder sie schaltet sich selbst ein, weil sie von einer schwierigen Situation erfährt. Aufgrund ihrer pädagogischen Funktion strebt sie die Auflösung der Cybermobbingsituation an und nimmt dafür in der Regel eine vermittelnde und korrigierende Rolle ein.